Meinung : Das irische Gift

Von der Befreiungsbewegung zur Mafia: Wie die IRA ihr wahnhaftes Weltbild offenbart

Martin Alioth

Zwei Wandschmierereien, die in den vergangenen Wochen kurzfristig an einer Hausmauer im Belfaster Short-Strand-Viertel erschienen, illustrieren das Dilemma: Die erste, die nur wenige Stunden Bestand hatte, betitelte die Irisch-Republikanische Armee (IRA) lapidar als Abschaum. Die zweite, die diese Woche auftauchte, beschimpfte Gerry Adams, den Präsidenten der Sinn-Féin-Partei, als Spitzel und Kollaborateur.

Der Hintergrund dieses anonym geführten Dialogs: Der Mord an Robert McCartney, einem Einheimischen des genannten Viertels, durch eine Gruppe von Männern unter der Führung einer ebenfalls einheimischen IRA-Gruppe. Obwohl es sich um einen Privatstreit mit blutigen Konsequenzen gehandelt hatte, schloss die IRA ihre Reihen, beseitigte Spuren und schüchterte sämtliche Zeugen wirkungsvoll ein.

Das Schweigegebot hält bis heute, aber nur knapp, denn die fünf Schwestern des Ermordeten führen eine eindrückliche Kampagne zur rechtsstaatlichen Überführung der Täter. Gerry Adams hatte sich – mit großer Verspätung – hinter diese Bemühungen gestellt, was ihn in den Augen des zweiten Wandkünstlers zum Kollaborateur stempelte.

Es ist weniger als zwei Jahre her, dass die katholischen Bewohner der Exklave Short Strand jede Nacht von marodierenden Banden unter der Führung protestantischer Untergrundkommandos aus der Nachbarschaft attackiert wurden. Selbst wenn der angebliche Schutz, den die IRA den Menschen in Short Strand verschaffte, nur in deren Vorstellung existiert – leichtfertig werden die eingekesselten Quartierbewohner darauf nicht verzichten. Und die IRA-Mannen selbst haben sich daran gewöhnt, dass ihr Wort und ihre mit Nägeln gespickten Baseball-Schläger Gesetzeskraft haben. Deshalb klang das Angebot der IRA an die McCartney-Schwestern, die mutmaßlichen Mörder ihres Bruders gleich selbst zu erschießen, nur für Außenstehende schockierend. Denen aber hat es die Augen geöffnet.

Denn die IRA hat sich im Verlaufe der letzten zehn Jahre in eine „kolossale kriminelle Maschinerie“ verwandelt, wie der irische Justizminister es nannte, die allein wegen ihrer Vergangenheit mit Straffreiheit rechnen darf. Die Methoden sind dieselben wie damals, aber der Zweck hat sich verändert. Ohne Gewalt ist die IRA nichts, und ihre Angehörigen huldigen einem mystischen Blut-und-Boden-Kult, der sich von anderen totalitären Ideologien nur marginal unterscheidet. Die IRA steht ihrer eigenen Meinung nach über dem Gesetz, denn nur sie hat das Recht zu entscheiden, was richtig ist.

Alldem wäre mit den Mitteln von Justiz und Polizei beizukommen, wenn es da nicht eine nordirische Besonderheit gäbe: Sinn Féin, die größte Partei der katholischen Minderheit, ist historisch, personell und ideologisch untrennbar mit der IRA verflochten. Die meisten ihrer Spitzenpolitiker saßen irgendwann für IRA-Delikte im Gefängnis, wo der geschlossene Regelkreis ihres Denkens geprägt wurde. Widerspruch wird automatisch mit Verrat gleichgesetzt; nur den fünf Schwestern kann man das (noch) nicht vorwerfen. Deshalb ist ihre Herausforderung so gefährlich.

Für die nordirische wie auch die irische Gesellschaft ist die IRA zum Krebsgeschwür geworden, zur Subversion mit undurchsichtigen Zielen. Nur Sinn Féin verfügt über das Serum: Die Partei, die politische Konzessionen so lange mit dem Verweis auf den Fortbestand der IRA errungen hat, schuldet es der Gesellschaft, dass sie das totalitäre Gift beseitigt. Eine Abspaltung Sinn Féins von der IRA liegt in niemandes Interesse. Die Dreckarbeit im Inneren muss die Partei schon selbst leisten. Einfache Lösungen gibt es da nicht.

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