Meinung : Das Kanzlers neue Kleider

Heik Afheldt

Gerhard Schröder hat gelernt. Nach drei Jahren Regieren, nach einem desaströsen Start ist er auf dem Weg, ein richtiger, vielleicht sogar ein bedeutender Staatsmann zu werden. Als solchen sehen und respektieren ihn die Mächtigen an der Spitze der Länder, die er auf seiner sorgfältig austarierten, sechstägigen Reise durch Asien besuchte: Pakistan, Indien und China.

Kein Zweifel, die beeindruckende Größe und Stärke der deutschen Wirtschaft hilft Schröder. Die Bundesrepublik ist als potenter Investor, als Handelspartner und als Kreditgeber von besonderem Gewicht. Aber es geht auch um die neue politische Rolle Deutschlands nach dem 11. September. Im europäischen und weltpolitischen Schach verändert sich die Aufstellung. Selbstbewusster und eigenständiger vertritt die Bundesregierung ihre Meinung und ihre Interessen auch gegenüber Freunden.

Gerhard Schröder spielt diese neue Rolle überraschend gut. Als großer Kommunikator und "netter Kerl" gewinnt er Achtung und Sympathie - und gelegentlich Aufträge für die deutsche Wirtschaft. Die gemeinsamen Auftritte mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Zhu Rongji und die Begegnungen der beiden Ehepaare boten ein anderes Bild als die Sauna-Diplomatie à la Kohl. Schröder beherrscht die eher britische Art, ernsthafte Anliegen mit Charme und Witz zu vertreten - etwa, wenn die Dolmetscherin seine staatsmännische Rede mit eigenen Zutaten anreichert, er ihr sein Redemanuskript anbietet und lachend auffordert, doch besser gleich die ganze Rede zu halten. Oder wenn er die Menschenrechtsforderungen an China nicht mit erhobenem Zeigefinger vorträgt, sondern vor Studenten in Peking in einen Exkurs verpackt über die Bedeutung von Menschenwürde und Rechtsstaat für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands.

Diese Reise war ein Erfolg, nicht nur für den Kanzler, nicht nur für Deutschland, sondern auch für den Kampf gegen den Terrorismus. Welche Lehren kann Schröder daraus für den grauen Alltag mit seinen drängenden politischen Problemen ziehen?

Unsere Bilder von vielen Staaten der dritten Welt sind undifferenziert. China gilt als ein Land voller Armut, das die Menschenrechte missachtet und autoritär regiert wird. Vieles davon stimmt, aber es gibt auch den Wettbewerb zwischen den Provinzen, es gibt Millionenstädte wie Shanghai oder Dalian, die städtebaulich das neue Berlin weit in den Schatten stellen - von der Sauberkeit ganz abgesehen. Und es herrscht eine beeindruckende wirtschaftliche Dynamik. Wer diese differenzierte Realität nicht wahrnimmt, kann schwerlich die richtige Politik machen.

Die Allianz gegen den Terror ist fragil. In der Zielsetzung waren sich der Kanzler und seine Gastgeber noch weitgehend einig. Doch Zweifel und Kritik an der amerikanischen Strategie werden in Pakistan, Indien und China unüberhörbar und werden täglich lauter. Die Suche nach einer effektiveren Antwort auf den Terror wird die Tage bis zum Beginn des Ramadan beherrschen. Die Beratungen mit Präsident Putin beim Zwischenstop in Moskau dienten diesem Ziel.

Die neue deutsche Rolle wird bei den europäischen Partnern Frankreich und Großbritannien und in den USA nicht nur mit Wohlgefallen betrachtet. Schröder muss Misstrauen, verletzte Eitelkeiten und geschäftlichen Konkurrenzneid vermeiden. Aber er kann ja auch da seine besondere Fähigkeit nutzen, Vertrauen, Sympathie und Freunde zu gewinnen. Seine mittlerweile viel kritisierte unbedingte Solidarität mit den Amerikanern öffnet ihm erst den Spielraum, mit europäischen und fernöstlichen Partnern eigene Vorstellungen über eine erfolgversprechendere Strategie gegen den Terror durchzusetzen. Auch das Treffen mit Jacques Chirac und Tony Blair an diesem Sonntag in London wird er dazu nutzen.

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