Meinung : Das Kartenhaus

„In Deutschland wollen sich immer alle einig sein“.

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Macht und Sex, darum geht’s. Das hat der Regisseur Helmut Dietl so gesagt. Jetzt ist Dietl todkrank und die große Koalition ist kerngesund. Und das heißt: Sex haben nur die Prostituierten, über die gerade so viel geredet wird, und Macht haben wir alle. Denn das will die große Koalition mitsamt der SPD-Mitgliederbefragung ja suggerieren: Mit ihr kommen alle in Deutschland an die Macht. Ein großes Regierungskollektiv.

Bei Helmut Dietl sind nie alle an der Macht. In „Kir Royal“ klärt der Generaldirektor Heinrich Hafferloher schnell alle offene Machtfragen, indem er zum Klatschreporter Baby Schimmerlos sagt: „Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld.“

Die große Koalition zwingt diesem Land niemand auf, eine große Mehrheit will sie vermutlich. Es ist einfach so: Alle wollen sich einig sein. Und wenn sich ein Politiker im Fernsehen mit einer Moderatorin streitet, suchen alle sofort den Schuldigen, statt sich darüber zu freuen, dass zwei mal nicht einer Meinung sind.

In anderen Ländern ist das anders: Da gibt es eine kulturelle Auseinandersetzung mit Macht und vor allem mit politischer Macht. In der BBC lief schon vor Jahrzehnten „Yes Minister“, eine Satire über die zweifelhaften Machenschaften im britischen Parlament. In den USA kommen seit Jahren mit großem Erfolg politische Fernsehserien ins Fernsehen: „Spin City“, „West Wing“, „24“, „Homeland“, „House of Cards“. Dazu all die Filme, in denen es um das Schicksal der amerikanischen Präsidenten geht. Natürlich sind das alles fiktionale Darstellungen von Politik, sie sind vereinfachend, manchmal unkritisch, manchmal zynisch. Aber es sind Darstellungen von Politik. „Homeland“ ist eine amerikanischen Serie über den Anti-Terror-Kampf – und über die Paranoia, die mit ihm einhergeht. Die Hauptdarstellerin, eine CIA-Agentin auf der Jagd nach Terror-Schläfern, ist selbst psychisch krank. Das ist spannendes Fernsehen und zugleich eine aufklärerische Ergänzung zur Politik der USA, die nur durch einen distanzierten Blick auf das eigene Land entstehen kann.

Selbst in „Dänemark“ fasziniert eine politische Serie gerade das Publikum: „Borgen“, mit einer fiktiven Premierministerin im Mittelpunkt. In Deutschland hat es noch nie eine Fernsehserie über das Treiben von Geheimdienstlern gegeben, und deshalb mag das Land auch den Eindruck haben, so etwas gäbe es hierzulande nicht. In Deutschland ist, im Fernsehen und in der Wirklichkeit, die Welt aufgeteilt in Täter und Opfer, in Gut und in Schlecht. Aber der „Tatort“ ist weder Wahrheit noch Wirklichkeit und in der Politik gibt es vor allem Täter-Opfer.

„Es ist gar nicht nötig, dass so etwas stattgefunden hat“, sagt Helmut Dietl. „Dass jemand um der Macht willen auch vor den extremsten Mitteln nicht zurückschreckt, das ist eine Metapher. Und sie erhebt nicht einen unmittelbaren Anspruch auf Realität.“

Das deutsche Fernsehen ist deshalb an einer Bundeskanzler-Serie gescheitert und auch an der Verfilmung der Guttenberg-Saga – weil sich Macht-Geschichten nur widersprüchlich und ernüchternd darstellen lassen. Ohne allgemeine Einigkeit, ohne große Koalition, aber mit allen manipulativen Kräften der Politik.

Auch das Theater, das seit der Antike und besonders in Deutschland eine politische Anstalt war, hat abgedankt. Um deutsche Themen kümmern sich andere: Im Stück „Demokratie“ brachte der englische Schriftsteller Michael Frayn das Brandt-Guillaume-Material auf die Bühne. Und auch für den „Machtwechsel“ von Brandt und Scheel, für den Arnulf Barings Buch quasi das fertige Drehbuch darstellt, interessiert sich niemand. Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Gegenwart findet nicht mehr statt – sondern immer noch die mit der Vergangenheit. Es ist jedoch leicht, einen weiteren Film über General Rommel oder die „Mütter und Väter“ im Zweiten Weltkrieg zu drehen. Denn inzwischen ist klar, wer damals gut und schlecht war, darüber herrscht Einigkeit. Unangenehmer ist es, die Gegenwart zu begleiten, die Intrigen und Verstrickungen, die Lügen und die Opfer, und vor allem die Interessenkonflikte, die Politik immer mit sich bringt. Eine Carrie Mathison, wie die CIA-Agentin aus „Homeland“ heißt, hat vermutlich auch Deutschland zu bieten.

Die große Koalition ist die passende Regierung für ein Land, das keine Distanz zu sich selbst hält und sich nicht einmal in der Fiktion mit Machtfragen auseinandersetzen will. „Ich kenn’ die Frau Merkel nicht“, sagt Helmut Dietl. Darüber herrscht Einigkeit.

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