Meinung : „Das Kopftuch ist eine private Angelegenheit“

Susanne Güsten

In der gemäßigt islamischen Bewegung war er schon immer der Mann für besondere Aufgaben: Abdullah Gül, den die türkische Regierungspartei AKP nach dem Kandidaturverzicht des bedrängten Regierungschefs Recep Erdogan nun als neuen Präsidentschaftskandidaten benannt hat.

Er war Sprecher der ersten islamistischen Regierung von Necmettin Erbakan, die 1997 vom Militär entmachtet wurde. Als Vordenker der jungen Generation gemäßigter Islamisten führte er den innerparteilichen Aufstand gegen die Alt-Islamisten an, der zur Marginalisierung der Radikalen führte. Und mit Erdogan zählt er zu den Begründern der gemäßigt islamischen AKP, die als Vertreterin der anatolischen Massen 2002 die absolute Parlamentsmehrheit errang.

Seit Gül damals einige Monate lang den Sessel des Ministerpräsidenten für den designierten Regierungschef Erdogan warmhielt, wird er im Ausland oft als dessen Platzhalter dargestellt – zu Unrecht: Innerhalb der AKP genießt Gül ebenso viel Anerkennung wie Erdogan, er begegnet ihm auf Augenhöhe. Auch außerhalb der Partei ist der schnauzbärtige Politiker wegen seines volksnahen Auftretens populär. Als Außenminister hat Gül sich in den letzten vier Jahren auch Freunde außerhalb der Türkei gemacht: Seine internationalen Amtskollegen schätzen ihn als reformorientierten, vernünftigen Partner.

Im zentralanatolischen Kayseri als Sohn eines Drehers geboren, wuchs Gül in einfachen Verhältnissen auf. Seiner heiseren Stimme verdankt er einer Familienanekdote zufolge seine Karriere: Weil er als Kind beim Straßenverkauf von Getränken nicht laut genug schreien konnte, um Passanten auf sich aufmerksam zu machen, schickten seine Eltern ihn auf die Schule. Das genügte dem begabten Jungen als Starthilfe: Gül studierte Wirtschaftswissenschaften, promovierte in London und arbeitete bei der Islamischen Entwicklungsbank. Weil er Arabisch und Englisch spricht, symbolisiert er gewissermaßen die Rolle der Türkei zwischen Ost und West.

Trotzdem wird nun nicht so viel über seine Verdienste geredet wie über seine Gattin Hayrünissa, die nie ohne Kopftuch ausgeht. Ob es allerdings demokratisch und verfassungskonform ist, dass Millionen Türkinnen wegen ihres Kopftuchs von Universitäten, Ämtern und der Wählbarkeit ausgeschlossen sind, das muss in der Türkei ohnehin dringend diskutiert werden. Ein Fall für den Mann für besondere Aufgaben.

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