Meinung : Das Leben als Waffe

Warum drei Selbstmorde in Guantanamo die USA anklagen

Christoph von Marschall

Die Zustände in Guantanamo waren von Anfang an ein Skandal. Mit den ersten drei Selbstmorden von Gefangenen ist eine neue Stufe der Perversion erreicht. Ursprünglich war das Lager 2002 eingerichtet worden, um unverbesserliche Terroristen wegzusperren. Heute wollen viele der Insassen nicht Amerikanern das Leben nehmen, sondern sich selbst. Und Militärärzte tun alles, um die angeblichen Todfeinde der USA am Leben zu erhalten. Sie wollen selbst Todeswillige nicht sterben lassen, sondern benutzen handgreifliche Methoden wie eine ziemlich gewaltsame Zwangsernährung. Verkehrte Welt!

Die Bush-Regierung kann es drehen und wenden, wie sie will. Es wird daraus keine Heldengeschichte vom christlichen Wert der Lebenserhaltung gegen eine islamistische Kultur des Todes. In der Wahrnehmung der Welt ist jeder gelungene Selbstmord eine Anklage gegen das System von Guantanamo. Zwar spricht wenig für die Version, dass dies Verzweiflungstaten unschuldiger Gefangener waren, die keine Aussicht auf Freiheit durch ein faires Gerichtsverfahren haben und nicht lebenslang eingesperrt sein wollen.

Die bisher bekannten Fakten über die Fälle stützen eher die These des Lagerkommandanten, diese Selbstmorde seien Teil der asymmetrischen Kriegsführung islamistischer Terroristen – so herzlos-skandalös die Formulierung aufs Erste klingt. Man darf auch generelle Zweifel haben, wie wahrheitsgetreu die US-Armee wohl informiert. Doch in diesem Fall sticht das Misstrauensargument nicht. Die drei Selbstmörder gehörten der mittleren Kommandoebene von Al Qaida und anderen Terrornetzen an. Und: Welches Interesse sollte Admiral Harris an dem Eingeständnis haben, wie wenig Kontrolle er über sein Lager hat? Dass es bereits 41 Selbstmordversuche gab, mehrere davon koordiniert. Dass Insassen unbemerkt Medikamente für ihre Suizidversuche horten konnten. Und dass die Gefangenen sogar in der Lage sind, die Wärter mit einer Gefangenenrevolte zu überraschen und über mehrere Stunden die Kontrolle über eine ganze Lagereinheit zu erringen, wie im Mai.

Die US-Regierung sollte sich endlich eingestehen, dass das verwerfliche System von Guantanamo Ursache dieser verkehrten Lage ist. Wären diese drei Männer in Kämpfen gegen die US-Armee in Afghanistan oder Irak umgekommen, hätte sich niemand empört. Wenn sie sich aber selbst in Guantanamo umbringen, ist das ein moralischer Skandal. Zu Recht! Aus etwas so Grundfalschem wie den Umständen in Guantanamo kann nichts Richtiges entstehen. Das System führt nur zu immer neuen Perversionen.

Dennoch ist fraglich, ob die Schließung des Lagers die richtige Forderung ist. Das würde wohl nur dazu führen, dass die Gefangenen in Gefängnisse im Ausland verlegt würden, in die berüchtigte „Salzhöhle“ in Afghanistan oder in die arabische Welt, wo sie noch weniger Rechte hätten und erst recht keinen Zugang zu Anwälten.

Nein, die wahre Lösung ist: In Guantanamo muss endlich der US-Rechtsstaat Einzug halten. Nach vier Jahren müssen die Ankläger wissen, gegen wen der Insassen sie genug Material für einen Prozess haben. Die anderen müssen freikommen. Die USA geben längst zu, dass mindestens ein Viertel der rund 500 Insassen keine Topterroristen, sondern kleine Mitläufer sind. Der Druck der Verbündeten, Guantanamo zu humanisieren, darf nicht nachlassen.

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