Meinung : Das Libanon-Szenario

Wie Syrien den Amerikanern weitere militärische Interventionen verleiden will

Clemens Wergin

Syrien hat viel zu verlieren in diesem Krieg. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die schrillsten Töne in den letzten Wochen aus Damaskus kamen. So hat der vom Staat bezahlte syrische Mufti zu Selbstmordattentaten gegen die „amerikanisch-britisch-zionistische Aggression“ aufgerufen. Und der syrische Außenminister meint, es sei im syrischen Interesse, „dass die Invasoren im Irak besiegt werden“.

Der syrische Regierungschef Baschar al Assad hat sich im letzten Jahr zunehmend dem Irak angenähert. Auch weil sein wichtigster Verbündeter, der Iran, sich in Sachen Irak-Krieg relativ bedeckt hielt – Teheran will keinen Konflikt mit den Amerikanern riskieren. Strategisch ist Syrien in einer schwierigen Position. Nach dem Fall Saddam Husseins wäre der Staat eingeklemmt zwischen prowestlichen Regierungen in Israel, Jordanien, dem Irak und der Türkei. Und die Amerikaner werden nicht weiter darüber hinwegsehen, dass Damaskus libanesische und palästinensische Terroristen unterstützt. Zudem steht Syrien auf der Liste der Staaten, die Massenvernichtungswaffen und entsprechende Raketensysteme entwickeln – ein Fall für die amerikanische Weltpolizei.

Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Außenminister Colin Powell haben Syrien jetzt in aller Deutlichkeit gewarnt. Denn es gibt Hinweise, dass in den letzten Monaten Rüstungsgüter entgegen dem UN-Embargo über Syrien in den Irak geliefert wurden. Darunter möglicherweise lasergestützte Panzerabwehrraketen aus Russland, denen mehrere US-Panzer zum Opfer fielen. Zudem ermuntert Damaskus palästinensische und Hisbollah-Kämpfer, über Syrien in den Irak zu reisen, um gegen die Amerikaner zu kämpfen. Assads Kalkül: Der Krieg soll möglichst blutig werden. Damit die USA gar nicht erst daran denken in Syrien weiterzumachen mit der „militärischen Abrüstung“.

Die Syrer machen offenbar das, was sie am besten verstehen: Sie versuchen, den Irak mit Hilfe von Terroristen langfristig zu destabilisieren. Nur diesmal werden die Amerikaner nicht so schnell wieder abziehen wie 1983 aus dem Libanon – nach einem Anschlag der von Syrien unterstützten Hisbollah auf eine Basis der Marines. Nach dem 11. September haben die Syrer mit den USA kooperiert, um nicht zur „Achse des Bösen“ gerechnet zu werden. Jetzt scheinen sie beweisen zu wollen, dass sie doch zu den Schurken gehören. Eine gefährliche Politik.

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