Meinung : Das Modell Deutschland läuft aus

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Von Alfons Frese

In den 70er Jahren erfanden Sozialwissenschaftler das „Modell Deutschland“, um mit dem Begriff eine Eigenart des Nachkriegskapitalismus zu umschreiben: Den ziemlich friedlichen Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit; da es in anderen Ländern viel öfter zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern krachte, verschaffte das deutsche System den in der Bundesrepublik angesiedelten Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil auf den Märkten der Welt. Nun sind deutsche Firmen noch immer stark im Export. Doch zu Hause ist es im Frühsommer 2002 eher ungemütlich. Direkt nach Ostern ließ die IG Metall einige hunderttausend Leute streiken, um schließlich vier Prozent mehr Lohn herauszuholen. Im Handel gibt es seit Wochen Warnstreiks, jetzt folgen die Postler, demnächst die Versicherungsangestellten und in zwei Wochen sollen auf den Baustellen die Kellen liegen bleiben. Übrigens das erste Mal seit dem Krieg, dass in der Bauwirtschaft gestreikt wird.

Arbeitskämpfe also allerorten. Und das ausgerechnet in einer Zeit, wo sich die Konjunktur ganz langsam wieder zu stabilisieren beginnt. Und in der es wenige Monate vor der Wahl politische Unsicherheit gibt, die auch nicht gerade die Investitionsbereitschaft der Unternehmen und die Konsumlust der Verbraucher fördert. Ausgerechnet jetzt Arbeitskämpfe. Ganz und gar verrückt ist der Konflikt im Bau und im Handel, denn diese beiden Wirtschaftsbereiche kommen überhaupt nicht mehr raus aus der Krise. Auf dem Bau gibt es zu viele Firmen für zu wenig Aufträge. Es werden noch einige – siehe Holzmann – vom Markt verschwinden müssen, ehe dann für die Überlebenden wieder bessere Zeiten anbrechen. Das Gleiche gilt für den Handel, der schon schwere Jahre hinter sich hat, aber in diesem Frühjahr ganz besonders hart vom Käuferstreik erwischt wurde. Und jetzt geben die Streiks diesen schwindsüchtigen Branchen den Rest? Oder geht es der Bauwirtschaft und dem Handel schon so schlecht, dass auch ein Arbeitskampf nicht mehr stört?

Offenkundig sehen das viele Beschäftigte so, jedenfalls die Streikenden. Ihnen geht es seit Jahren nicht besser als ihren Arbeitgebern. Die Lohn- und Gehaltserhöhungen blieben oft unter der Inflationsrate, gleichzeitig stiegen die beruflichen Anforderungen; gewissermaßen für weniger Geld musste mehr gebuckelt werden. Doch hat das die Unternehmen wirklich nach vorne gebracht und der jeweiligen Branche Schwung gegeben? Moderate Lohnabschlüsse bringen nur den Arbeitgebern was – diese Einstellung hat sich in diesem Frühjahr bei den Gewerkschaften und ihren Mitgliedern durchgesetzt. Also wird nach mageren Jahren Nachholbedarf geltend gemacht und für mehr Geld gestreikt. Es ist ja eigentlich auch nicht unangemessen, wenn die Gewerkschaft für eine Vollzeitbeschäftigte im Handel ein Mindesteinkommen von 1500 Euro fordert. Auch die Leute vom Bau schnappen nicht über, wenn sie sich für eine Erhöhung des Mindestlohns im Osten einsetzen. Hier soll der Bauarbeiter gegenwärtig mindestens 8,63 Euro bekommen, im Westen sind es 9,80 Euro. Da ist der Treck gen Westen verständlich, die Ostbetriebe können günstiger kalkulieren und schnappen sich die Aufträge. Das finden die Westbetriebe und die Gewerkschaften gar nicht gut und versprechen sich Schutz vom Tariftreuegesetz. Ohne solche Gesetze wäre das deutsche System der Tarifautonomie vor dem Ende.

Doch weniger die Betriebe und Beschäftigten aus Ostdeutschland als vielmehr die Billigkonkurrenz aus Portugal und Irland, aus Polen und den GUS-Staaten würde das hiesige System der Lohnfindung und -stabilisierung zerstören. Dann wäre das Modell Deutschland wirklich Geschichte und nach dem rheinischen Kungelkapitalismus würde ein neues Kapitel in den Beziehungen der Sozialpartner aufgeschlagen. Ein Kapitel, das vermutlich nicht zu Gunsten der Gewerkschaften und ihrer Mitglieder ausfiele.

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