Meinung : Das neue Kanzleramt: Ein Ort für Zumutungen

Hermann Rudolph

Kein Regierungsbau ist so zum Gegenstand des Streits geworden wie das neue Kanzleramt, das an diesem Mittwoch eröffnet wird. Schon gar nicht sein eigentlicher Vorgänger, diese halb versteckte, dunkel glänzende Beamten-Schatulle in Bonn, die notorisch mit Nicht-Achtung gestraft wurde und von Helmut Schmidt den Vergleich mit einer Sparkasse abbekam. Diesmal geht es ganz anders zur Sache. Das Haus hat ebenso heftige Ablehnung auf sich gezogen wie mühsam-mutige Anerkennung, und der Kanzler demonstriert mit stoffeligem Herunterspielen der Eröffnungszeremonie seine Distanz. Liegt es nur am eigenwilligen Bau? Oder hat das Stimmengewirr doch etwas mit Berlin zu tun und den Schwierigkeiten, die wir Deutsche damit haben, uns an eine Hauptstadt zu gewöhnen?

Es könnte ja sein, dass es doch nicht die Dimension des Hauses ist, die viele irritiert, auch nicht seine expressive Raum-Seligkeit, und nicht einmal die Exotik der Felsenbirnen auf funktionslosen Säulen. Vielleicht verübeln sie seinem Architekten Axel Schultes eher, dass er es gewagt hat, dem Regieren eine Gestalt zu geben, Staatsarchitektur zu bauen. Das ist nun wirklich etwas Neues in Berlins jungen Hauptstadt-Jahren, fast eine Revolution. Bisher richtete sich die Politik in den aufpolierten Schwermutshöhlen der deutschen Geschichte ein. Es gab da bestenfalls neue Anbauten, keine Neubauten, und wo die Stadt sich erneuern wollte, drängte der strenge Senatsbaudirektor Stimmann sie in die Maße des alten steinernen Berlin zurück. Nun steht im Spreebogen, über vier Jahrzehnte ein Gelände von historischer Melancholie, mit einem Mal dieser mächtige weisse Kubus, der partout etwas darstellen will: ein Verfassungsorgan, Staat, politische Ordnung.

Um eine solche Zumutung zu parieren, müssen dem Bauwerk wohl einschlägige Proben des Berliner Witzes à la "Kanzler-Waschmaschine" verpasst werden. Aber das ändert nichts daran, dass dieser Schlussstein des Umzugs nicht nur die bisherigen Muster des Hauptstadt-Ausbaus überschreitet. Er fordert eine ganze Nachkriegs-Tradition heraus - jene tief verwurzelte Entschlossenheit, allen markanten Formen staatlicher Repräsentation zu misstrauen. Dafür stand Bonn: die Hauptstadt, die keine sein durfte; die es wurde, aber immer mit schlechtem Gewissen; und die schließlich ihren Ausdruck in Regierungsgebäuden fand, die sich von der Architektur beliebiger Verwaltungsgebäuden in nichts unterschied. Vielleicht ist es also nicht die Größe, die den Widerspruch herausfordert, sondern dieser Gedanke. Vielleicht wird die Auseinandersetzung über das neue Kanzleramt eigentlich über das Thema geführt, das wir vor uns herschieben, seitdem sich der Bundestag vor ziemlich genau zehn Jahren entschloss, den Umzug zu wagen: ob der Schritt von Bonn nach Berlin mehr bedeuten soll als eine Ortsveränderung.

Der Bau und der Streit verraten allerdings auch, wie schwer dieser Gedanke zu fassen ist. Bislang war "Demokratie als Bauherr" in der Bundesrepublik zumeist eine Verlegenheitsformel. Nun wird es ernst: Schickt es sich für eine Demokratie, ein Machtzentrum zu haben, und darf man es sogar zeigen? Kann man einen solchen Identifikationsort aus dem Boden stampfen, dazu an einem historisch nicht ganz geheuren Ort - immerhin plante Speer hier seine gewaltige Reichshauptstadt Germania? Darf man die Exekutive so gegenüber der Legislative, dem Reichstag, akzentuieren? Kann ein solches Bauwerk in Deutschland überhaupt so aussehen wie der Schultes-Bau: so barock, so voller lustvoller Theatralik, so jenseits aller gebauten Tradition? Schließlich die Grundfrage, gerichtet an Berlin wie die Republik: Will das Deutschland, das sich seine ganze lange Bonner Zeit politisch-staatlich mit einer Geschäftsstelle zufrieden gab - und deshalb über allerlei heimliche Hauptstädte verfügte - überhaupt eine wirkliche Hauptstadt?

Das Kanzleramt ist nicht die Antwort darauf. Doch auch die Zweifel und Vorbehalte, mit denen das Haus begrüßt worden ist - vom Verdacht des Größenwahns bis zum Argwohn der Geschichtsverdrängung -, sind nur Ausdruck solcher Ratlosigkeit. Das neue Haus steht da als Frage. Weiter haben wir es noch nicht gebracht. Bis dahin, immerhin, schon.

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