Meinung : Das neue Kerngeschäft

Steht die Atomkraft vor einer Renaissance? China zeigt: Der Markt der Zukunft liegt eher bei erneuerbarer Energie

Thomas de Padova

Die Kernenergie boomt. Das jedenfalls sagen die nackten Zahlen. Weltweit sind in den letzten Jahren immer mehr Meiler hinzugekommen. 442 sind es inzwischen, 27 neue Reaktoren werden derzeit gebaut. Dass sich Deutschland und ein paar andere Länder von der Atomenergiegewinnung verabschieden möchten, scheint auf dem Weltmarkt nur eine Auswirkung zu haben: Das Kerngeschäft machen andere, die Technologie wird in Asien weiterentwickelt.

Allein in China und Indien sind in den zurückliegenden vier Jahren neun Atomkraftwerke ans Netz gegangen, weitere zehn werden gerade in der Umgebung von Megastädten hochgezogen. Vor einer Woche hat China angesichts der Stromknappheit den Bau von noch einmal zwei Reaktoren angekündigt. Und hier zu Lande die Frage aufgeworfen: Ist die Atomkraft nicht doch eine Option für die Zukunft? Machen uns Indien und China augenblicklich vor, wie man sich mit etwas besseren kerntechnischen Sicherheitskonzepten unabhängiger von Erdgas- oder Ölimporten machen kann?

Wohl kaum. Andere Zahlen jedenfalls eröffnen diesbezüglich eine völlig andere Perspektive. Insbesondere, was China betrifft. Die Atomkraft spielt dort in der Energieversorgung eine marginale Rolle. Chinas Kernreaktoren produzieren gegenwärtig weniger als anderthalb Prozent des Stroms im Land. Bis 2020 sollen es zwar vier Prozent sein. Aber selbst das wäre ein viel geringerer Anteil als die durchschnittlich 16 Prozent, den Atomstrom in den westlichen Industriestaaten liefert. Und das, obwohl China nach Energie und Rohstoffen lechzt.

Ob Kohle oder Öl, Eisenerz oder Stahl – die prosperierende chinesische Wirtschaft verschlingt immer mehr Rohstoffe. Knapp viereinhalb Millionen Fahrzeuge wurden dort zum Beispiel allein im vergangenen Jahr gebaut. Was lediglich dazu geführt hat, dass heute etwa jeder 60ste Chinese ein Auto besitzt. Die Motoren sind erst angelaufen. In der Rangliste der größten Ölverbraucher liegt China allerdings jetzt schon weltweit auf Platz zwei – hinter den USA. In der Stromerzeugung ebenso. Die hat sich im vergangenen Jahrzehnt fast vervierfacht.

Kohlekraftwerke liefern mehr als zwei Drittel des Stroms. Sie feuern aus allen Schloten – und halten mit dem rasant wachsenden Energiekonsum der Städte trotzdem nicht Schritt. Regelmäßig muss der Strom im Land tage- oder stundenweise abgeschaltet werden, wovon inzwischen selbst die Pekinger Elektrizitätswerke nicht mehr ausgenommen sind. Etliche Firmen dürfen mittlerweile nur noch nachts produzieren. Trotz dieser Engpässe füllt China mit der Kernkraft lediglich kleine Versorgungslücken. In erheblich stärkerem Maß will das Land in erneuerbare Energien investieren. Vor zehn Tagen hat Bundesaußenminister Joschka Fischer in der Provinz Schandong eine deutsch-chinesische Solarfabrik eröffnet, die zum größten Produzenten von Sonnenkollektoren weltweit ausgebaut werden soll. China hat angekündigt, bis zum Jahr 2010 zehn Prozent seiner Energie aus regenerativen Quellen zu decken: vor allem aus Wasser-, aber auch aus Windkraft, der Nutzung von Biomasse und Sonnenenergie. Das klingt nicht nach viel. Aber so wie elf Kernkraftwerke nur knapp anderthalb Prozent des Stroms entsprechen, so bedeuten zehn Prozent der chinesischen Energieversorgung Investitionen von rund 50 Milliarden Euro.

Deutschland sollte hier als Technologiepartner seine Chance ergreifen. In China können sich Techniken etablieren, die bei uns noch als zu teuer gelten, dort wegen der höheren Strompreise und zum Teil fehlender Netze jedoch schon heute konkurrenzfähig sind.

China könnte vorne mitspielen, wenn erneuerbare Energien die anderen Energieformen in den nächsten Jahrzehnten nach und nach zurückdrängen werden. Wegen der Verknappung der Ressourcen und zunehmender Umweltbelastungen sind diese wichtiger Bestandteil der künftigen Energieversorgung – mag ihr Aufstieg ein bisschen schneller oder langsamer erfolgen.

Welche Rolle der Atomkraft dagegen künftig zufallen wird, bleibt vage. In den westlichen Industriestaaten werden bis auf ein Kraftwerk in Finnland keine Reaktoren gebaut. Die Kosten sind zu hoch, die Sicherheitsrisiken ebenso. Bisher gibt es weltweit kein einziges Endlager für radioaktiven Abfall. Lediglich etliche Staaten, die mit Hilfe von spaltbarem Material zur Atommacht aufsteigen möchten.

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