Das politische Buch : Als Moskaus Panzer nach Prag rollten

Auf monumentalen 2900 Seiten beleuchtet ein Buch über den Prager Frühling die Ereignisse des Jahres 1968 in der Tschechoslowakei.

Hans Jürgen Fink

Was für ein Werk! Zwei Bände im roten Hardcover, 2900 Seiten, an die fünf Kilo schwer, 70 analytische Beiträge von Wissenschaftlern und Zeitzeugen im ersten, 232 Dokumente – jeweils in deutscher und russischer Sprache – aus 37 Archiven im zweiten Buch. Binnen fünf Jahren organisierte das in Graz beheimatete Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung ein internationales Forschungsnetzwerk mit 80 Wissenschaftlern, das von den USA über Europa bis in den Kaukasus reicht. Das Ziel: Eine umfassende Gesamtdarstellung der Ereignisse 1968 in der Tschechoslowakei im internationalen Kontext zu liefern. Die damaligen Präsidenten Österreichs und Russlands, Schüssel und Putin, gaben ihren Segen dazu – letztendlich wohl auch der Schlüssel, der die bis dahin verschlossenen Archive des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion öffnete.

Was hier zu Tage gefördert wurde, liefert im Detail faszinierende Einblicke in den Prozess der Meinungs- und Entscheidungsfindung des Kreml und in die Psychologie der Akteure. Hier regiert allein das nüchterne, ja zynische Kalkül einer global orientierten Supermacht. Das sonst öffentlich stets zur Schau gestellte ideologische Beiwerk verschwindet fast völlig hinter dem Machtanspruch der Breschnew-Doktrin, das im zweiten Weltkrieg eroberte europäische Vorfeld mit allen Mitteln zu sichern. Neu ist der Befund zur Rolle China in den Moskauer Überlegungen. Der Militäreinsatz gegen die CSSR war demnach auch motiviert als Demonstration der Stärke gegen den Rivalen in Peking. Die Edition setzt weitere neue Akzente. Wort für Wort lässt sich verfolgen, wie die Führer der Bruderparteien – Schiwkow, Gomulka und Ulbricht –, aus Furcht um ihre eigenen Positionen das Moskauer Politbüro beschwören, dem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ schnellstmöglich den Garaus zu machen.

Anders als seine Vasallen aber hat Breschnew globale Faktoren im Blick: die Abrüstungsinteressen gegenüber den USA, die Entspannungsavancen Charles de Gaulles und die neue Ostpolitik des SPD- Außenministers Willy Brandt in Bonn. Vor diesem Hintergrund gibt er – früher als bisher angenommen – zwar grünes Licht für militärische Einmarschplanungen. Parallel dazu aber sucht er weiter nach einer politischen Lösung in Prag. Wie eine menschliche Tragödie lesen sich die stundenlangen Telefonate, die Breschnew und Dubcek noch Mitte August miteinander führen. Der Kremlchef fordert von ihm einen Kurswechsel, den dieser angesichts einer Bevölkerung, die ihm und seiner Reformpolitik voll vertraut, weder leisten kann noch will: Ein Spagat, der am Ende nicht zu gewinnen ist. Doch auch für die Interventionsmächte gerät die militärische Operation politisch zu einem Desaster. Die Absender des Einladungsbriefs und Initiatoren einer „Arbeiter- und Bauernregierung“ flüchten sich in der Nacht der Intervention in die Sowjetbotschaft in Prag. Danach bleibt Breschnew keine Wahl: Da er sie nicht entmachten kann, schickt er die nach Moskau verschleppten Prager Reformer wieder in ihren alten Funktionen nach Hause zurück.

Möglicherweise war dieser Moment trotz der unterschriebenen Kapitulationsprotokolle und der Panzer im eigenen Land Dubceks größte Chance: Denn nicht nur die Partei stand hinter ihm – das ganze Volk jubelte ihm zu. Warum er sie nicht nutzte, bleibt ein Rätsel, das auch die vorgelegten Analysen und Dokumente nicht zu lösen vermögen.

Hatte Breschnew zunächst noch Risiken für die sowjetischen Interessen im Westen gesehen, so hatte bereits Außenminister Gromyko vor der Militäraktion Entwarnung gegeben. Er behielt Recht. US-Präsident Johnson, verstrickt in Vietnam und auf den geplanten Abrüstungsgipfel mit Breschnew fixiert, gab die Parole „No action“ aus. Nach der Logik von Jalta war die CSSR-Intervention nichts weiter als ein Betriebsunfall im anderen Lager. Zumal die Moskau-Kritiker Rumänien und Jugoslawien ungeschoren blieben und auch Westberlin nicht bedroht wurde. Mit klammheimlicher Freude bemerkte Washington überdies, dass de Gaulle mit seiner Nato-kritischen Anti-Jalta-Strategie in die Sackgasse geraten war. Für die Bundesregierung behielt – im deutsch-deutschen Interesse – die Ost- und Entspannungspolitik höchste Priorität. So fanden die westlichen Hauptstädte nach pflichtschuldigen Protesten sehr bald wieder zur Tagesordnung in den Ost-West-Beziehungen zurück. Immerhin öffneten vor allem Österreich und die Bundesrepublik ihre Grenzen für alle Tschechen und Slowaken, die ihre Heimat auf Dauer verlassen wollten.

Gestärkt ging die Nato aus diesem „Zwischenfall“ hervor: Erstmals standen sowjetische Truppen an der Grenze zu Bayern – das forderte und förderte den zuvor kriselnden Zusammenhalt.

Gescheitert ist der Prager Frühling nicht, so das Fazit des Bremer Politikwissenschaftlers Jan Pauer im Schlusskapitel, das zu den besten gehört. Er war vielmehr so erfolgreich, dass er nur mit Gewalt zu stoppen war. Verloren hatte einmal mehr die Sowjetunion, die vor den Augen der Welt wieder ein kleines Land überfiel. Dessen Bürger reagierten ebenso besonnen wie tapfer. Tschechen und Slowaken setzten ein historisches Beispiel, das im Herbst ’89 seine glückliche Fortsetzung und Vollendung fand: Für die friedliche Überwindung von Diktaturen und für das Engagement einer Zivilgesellschaft, ohne die eine Demokratie auf Dauer nicht leben kann.

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