DAS politische BUCH : Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln

Mag sein, dass es umfassendere politische Analysen über Barack Obamas mögliche Absichten gibt. Was Kornblums und Kronzuckers Buch "Mission Amerika, Weltmacht am Scheidepunkt" auszeichnet, ist der direkte Zugang zu den Menschen in den Vereinigten Staaten.

Gerd Appenzeller

Heute ist US-Präsident Barack Obama 100 Tage im Amt. „Die ersten 100 Tage“ ist denn auch das letzte Kapitel eines Buches überschrieben, das jetzt genau auf diesen Termin hin erscheint. Die Autoren von „Mission Amerika, Weltmacht am Scheidepunkt“ sind John C. Kornblum und Dieter Kronzucker. Für den langjährigen US-Botschafter in der Bundesrepublik und den Journalisten und Fernsehmoderator ist die detaillierte Schilderung des politischen Werdegangs des neuen Präsidenten nur ein Teil eines weit größer angelegten publizistischen Vorhabens. Kornblum und Kronzucker zeichnen den Weg Amerikas von der Kolonialzeit bis zur Weltmacht nach. Sie verfolgen dabei sowohl politische als auch wirtschaftliche und geistesgeschichtliche Spuren, ohne deren Kenntnis das Verständnis der Vereinigten Staaten nur schwer möglich ist.

Dass aus diesem Teil des gemeinsamen Werkes weit mehr als ein guter historischer Abriss geworden ist (auch der wäre schon verdienstvoll), liegt vor allem an John Kornblum. Der 66-jährige, weltläufige Diplomat, in dessen deutsche Amtszeit als Gesandter der von ihm verhandelte, größte OstWest-Agentenaustausch der Nachkriegszeit fiel, offenbart bemerkenswert viel über amerikanisches Denken, Zusammenleben und Konsensfindung, über jene für viele Europäer gleichermaßen berührende wie irritierende Mischung aus Offenheit und Rigorosität. Der Leser spürt, dass da jemand die eigene persönliche Entwicklung und seine Wurzeln reflektiert und so Zugang in einen Bereich gewährt, den Kornblum sonst eher verschlossen hält.

Mag sein, dass es umfassendere politische Analysen über Barack Obamas mögliche Absichten gibt. Was Kornblums und Kronzuckers Buch neben den erwähnten Vorzügen auszeichnet, ist der direkte Zugang zu den Menschen in den Vereinigten Staaten, die Einfühlsamkeit und die den Leser hinführende, vorsichtig-tastende Suche nach den Beweggründen der Millionen von Wählern, die aus einem Nobody den seit John F. Kennedy vermutlich mit den größten Erwartungen ins Amt getragenen Präsidenten der USA machten.

Ohne den tiefen Fall des Ansehens Amerikas in der Ära George W. Bush ist die an Glorifizierung grenzende Begeisterung für Obama nicht verständlich. Zumindest bei John Kornblum selbst hat man den Eindruck, dass er sich auch persönlich diesen Erwartungen nicht verschließen mag. Gerd Appenzeller

– John Kornblum, Dieter Kronzucker: Mission Amerika. Weltmacht am Wendepunkt. Redline Verlag, München 2009. 240 Seiten, 24,90 Euro.

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