Das politische Buch : "Herr Bundespräsident, ich melde: keine besonderen Vorkommnisse"

In seinem neuen Buch „Der Weg zur Einheit“ schildert der frühere Bundespräsident von einer sowohl sehr persönlichen als auch überaus politischen und sehr deutschen Begebenheit aus den Tagen nach dem Fall der Mauer.

Gerd Appenzeller

Von einer sowohl sehr persönlichen als auch überaus politischen und sehr deutschen Begebenheit aus den Tagen nach dem Fall der Mauer hat Richard von Weizsäcker immer wieder erzählt, und auch heute noch, 20 Jahre danach, scheint er mit einem Lächeln den Kopf zu schütteln über das, was ihm am 13. November, einem Sonntag, in Berlin geschah. In seinem neuen Buch „Der Weg zur Einheit“ schildert der frühere Bundespräsident noch einmal die denkwürdige Begebenheit:

„Nach dem Gottesdienst ging ich zum Potsdamer Platz in der Stadtmitte, wo soeben ein Grenzübergang eröffnet worden war. Von seiner Westseite aus überquerte ich allein die menschenleere, unbebaute große Fläche des Platzes in Richtung auf die Baracke der Grenzpolizei am Ostrand. Es war zu sehen, dass man mich durch Ferngläser beäugte. Als ich bis auf einige Meter herangekommen war, öffnete sich die Tür. Heraus trat ein Oberstleutnant, ging auf mich zu, machte eine Ehrenbezeugung, wie ich sie selbst als Potsdamer Rekrut vor dem Krieg nie korrekter gelernt hatte, und sagte: ‚Herr Bundespräsident, ich melde: keine besonderen Vorkommnisse.’ Wir gaben uns die Hand. Das war für mich ein unvorstellbarer persönlicher Vollzug der deutschen Vereinigung.“

Am Weg zur deutschen Einheit, einem Weg der 1000 kleinen Schritte, hat Richard von Weizsäcker bestenfalls am Beginn als Zuschauer gestanden, aber auch in dieser frühen Phase nie als Unbeteiligter. So beschreibt er die Entwicklungsjahre Deutschlands aus den Trümmern der Nachkriegszeit bis zur neuerlichen, nun doppelten, Staatsbildung mit der großen Wachheit des geschichtsbewussten jungen Mannes, dem der Krieg an der Ostfront früh die Augen geöffnet hat.

Sehr schnell aber wurde Richard von Weizsäcker zum Mitgestalter. Eine besondere Rolle bei der Wahrung der Einheit kam den Kirchen zu. Bei den zunächst noch gesamtdeutschen Kirchentagen konnten sich evangelische Christen aus beiden Teilen Deutschlands begegnen. Weizsäcker hat an all diesen großen Laientreffen teilgenommen, und wenn er an den Kirchentag 1954 in Leipzig erinnert, zu dem 600 000 Teilnehmer aus dem ganzen, geteilten Land kamen, ahnt man, welche Kraft zur Gemeinsamkeit da wach geblieben war, ungeachtet aller kommunistischen Repression. Das hat sich ja dann auch in den Wochen vor dem Fall der Mauer so überaus eindrucksvoll bestätigt. Der SED war es in 40 Jahren nicht gelungen, die Wurzeln des christlichen Glaubens auszureißen. Vor allem die evangelischen Kirchen wurden so zum Kristallisationspunkt der Bürgerbewegung und der friedlichen Revolution.

Der Protestant Richard von Weizsäcker war von 1964 bis 1970 Kirchentagspräsident, bis 1984 gehörte er der Synode und dem Rat der EKD an. In all diesen Funktionen hatte er lebhaften Anteil an den ostpolitischen Aktivitäten der Evangelischen Kirche. Für die Ostdenkschrift der EKD aus dem Herbst 1965 trug er direkte Verantwortung, im politischen Streit um die Oder-Neiße-Grenze forderte die EKD damals eine Verständigung mit Polen.

Wir werden durch den Verfasser nicht nur daran erinnert, welche Vorreiterrolle beide große Kirchen bei der Aussöhnung mit Polen spielten. Er skizziert auch in großer Souveränität und Überparteilichkeit die Rolle einzelner Politiker bei der Neuregelung des bundesdeutschen Verhältnisses zu den Staaten Mittelosteuropas und dann im wiedervereinten Deutschland. Anders als in den üblichen CDU-Politiker-Memoiren finden sich beim bundespräsidial geprägten Richard von Weizsäcker sowohl über den Sozialdemokraten Egon Bahr als auch über den späteren Ministerpräsidenten Brandenburgs, Manfred Stolpe, nur verständnisvolle und anerkennende Worte. Dass die Einheit der Nation über die Jahre der Teilung hinweg erhalten blieb, ist eben Politikern aller Lager zu verdanken.

Ein anderer der großen Alten dieser Republik, Helmut Schmidt, hatte schon recht, als er feststellte, dies sei ein sehr persönliches und gerade deshalb sehr bewegendes Buch. Gerd Appenzeller

– Richard von Weizsäcker:

Der Weg zur Einheit. Verlag C. H. Beck, München 2009. 220 Seiten, 19,90 Euro.

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