Meinung : Das Preußenjahr: Training zur Selbstfindung

Dreihundert Jahre sind eine lange Zeit, eine ziemlich lange sogar. Und deshalb nun ein "Preußenjahr", ein gewaltiger Aufmarsch von Ausstellungen, Veranstaltungen, Veröffentlichungen - bloß weil am 18. Januar 1701 der brandenburgische Kurfürst sich selber krönte und damit das preußische Königtum begründet? Haben wir es nötig? Oder ist es nur das Futter für jenes merkwürdige Bedürfnis, in jedem Jahr ein Thema an die Brust zu drücken, eine Art historisches Marketing - gestern Bach, vorgestern 1848, nun also Preußen?

Vielleicht hilft es weiter, wenn man sich daran erinnert, dass vor zwanzig Jahren schon einmal ein Preußen-Jahr vorkam - und sei es nur, um sich zu vergegenwärtigen, wie kräftig sich seither die Welt gedreht hat. Der Gropius-Bau mit der Ausstellung, die damals im Mittelpunkt stand, befand sich noch haarscharf an der Mauer. Über dieselbe hinweg kam geharnischte Kritik: DDR und Sowjetunion witterten den Versuch, die deutsche Frage offen zu halten. Davon war dieses Preußen-Jahr 1981 natürlich weit entfernt - niemand war zu diesem Zeitpunkt so kühn, dergleichen für möglich zu halten. Es war etwas anderes: Zusammen mit anderen Ereignissen, der Stuttgarter Staufer-Ausstellung etwa, aber auch der Rückkehr des Denkmals Friedrich II. auf seinen alten Platz Unter den Linden, signalisierte das Preußenjahr die Suche nach einem neuen, aufgeschlosseneren Verhältnis zur eigenen Geschichte - nach langen Jahren der Flucht vor ihr. Die Deutschen wichen nicht mehr vor sich selber aus.

War es damals, dass die Arbeit mit jenen politisch-historischen Suchmaschinen begann, mit denen wir seither unablässig in unserer Vergangenheit herumrudern: Identität, Orientierung, Werte? Seitdem hat sich jedenfalls unser Verhältnis zur Geschichte verändert. Nicht, dass es problemlos geworden sei - wie könnte das in Deutschland je der Fall sein! Aber Geschichte ist wieder ein öffentliches Thema geworden. Von der Beschäftigung mit ihr wird etwas erwartet. Selbst Preußen ist nicht mehr der verrufene Ort, der es lange war. Und außerdem haben wir erlebt, wie es ist, wenn Geschichte geschieht. Die deutsche Frage hat eine Antwort gefunden. Um so wichtiger wird die Überlegung, was wir mit dieser Antwort anfangen sollen.

Dafür bleibt Preußen eine echte Herausforderung - mutmaßlich neben dem Dritten Reich die schwierigste. Ohne diesen Staat, den die vier Siegermächte des zweiten Weltkriegs 1947 wg. Militarismus und Reaktion von der Landkarte strichen, kann man den deutschen Nationalstaat nicht denken, der nun unverhofftermaßen wieder auf den Plan getreten ist. Kein anderer Staat schwankt auch so in der Geschichte - zwischen Erfolg und Scheitern, Verdammung und Bewunderung. Keine anderes historisches Phänomen ist so von Ambivalenzen besetzt - Beispiel: die berühmt-berüchtigten preußischen Tugenden, halb Anleitung zur Zivilcourage, halb Abrichtung zum Sich-Ducken.

Preußen ist Vergangenheit, gewiss. Doch kaum eine andere historische Größe steht so fordernd über der Lage, in die uns die Wiedervereinigung gebracht hat, wie dieses dahingeschiedene Gebilde, das Osten, Westen und Mitte umfasste. Was schließlich den notwendigen Auszug aus der historisch-politischen Selbstgerechtigkeit angeht, in der sich die alte Bundesrepublik eingerichtet hatte - wie wäre er besser zu trainieren als im Disput mit dem preußischen Schatten?

So ernst wird das mit dem Preußen-Jahr schon nicht werden? In der Tat: Was da auf uns zurollt, befriedigt nicht zuletzt das gehobene Unterhaltungsbedürfnis. Dagegen ist nichts einzuwenden. Im Vergleich zum Preußenjahr 1981, das Tabus brach, dient dieses eher der Sondierung eines mittlerweile abgesicherten politisch-historischen Terrains. Wir werden also klüger werden - was kein kleines Vergnügen ist. Berlin und Brandenburg werden ihres gemeinsamen Lebens- und Geschichtsraums inne werden, und das wird dem Projekt der Vereinigung beider Länder helfen. Aber eine Ahnung von dem schicksalschweren Rang des Denk- und Erinnerungsstücks, das Preußen für die Deutschen bedeutet, wird immer dabei sein. Oder doch oft. Und auch das ist gut so.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben