Das Privatleben der Politiker : Früher war weniger Streusel

Früher wollte Angela Merkel Deutschland dienen. Heute will sie gemocht, bewundert, verehrt werden. Das ist zwar ihr gutes Recht - ist aber beängstigend.

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Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse". Foto: Mike Wolff
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

Er vermisst Streusel auf dem Kuchen. Das ist die große Neuigkeit, mit der die private Kanzlerin ihre potenziellen Wähler zum Ende der Sommerpause beschenkt. Der neue Internetauftritt Angela Merkels (www.angela-merkel.de) verspricht Persönliches und Politisches aus ihrem Leben und liefert: nichts. Abgesehen von der Neuigkeit eben, dass der von Merkelhänden geknetete und selbst gebackene Kuchen dem Gatten – er ist Konditorensohn – zu dürftig belegt erscheint.

Verehrer der Kanzlerin mögen die vielen schönen Bilder des Lebens und Wirkens der Kanzlerin betrachten und denken: „Was für ein beeindruckendes Zeugnis!“ Der politisch denkende und interessierte Wähler aber fragt: „Ja, und? Was soll das?“ Statt Politik wird Zuckerguss geboten, statt aufreibender Arbeit Photoshop-Bilder, statt einer Agenda für die kommenden Jahre Drei-Wetter-Taft-Ambiente. Die Kanzlerin liefert eine süße Geschichte – und speist den Wähler doch nur mit wenigen Streuseln ab.

Wie anders dagegen der Herausforderer. Der stolpert und rumpelt durch sein Internetleben (www.peer-steinbrueck.de/Leben/83438/), dass man sich bestürzt fragt, ob Sigmar Gabriel die Seite gebastelt hat. Alles atmet Mühe, alles ist schwerfällig und ungehobelt. Von dem eloquenten und gut bezahlten Festredner ist hier nichts mehr zu spüren.

Und doch: Das ist richtig. Ein Kanzler soll sich Mühe geben, schwitzen bei der Arbeit für das Land und die Zeit damit verbringen, gute Arbeit zu leisten, anstatt schöne Bilder zu produzieren. Das war das Versprechen der Kanzlerkandidatin, als sie 2005 zum ersten Mal antrat. Bilder einer intelligenten, willensstarken, topffrisurigen Person, die später, nach dem Wahlsieg, sagte: „Ich will Deutschland dienen“. Und der man das glaubte.

Davon ist nicht viel geblieben. Die Frau auf der Webseite will nicht mehr dienen. Sie will gemocht, bewundert, verehrt werden. Das ist zwar ihr gutes Recht. Aber es ist beängstigend. Denn Angela Merkel ist eigentlich ein Mensch, der die Kollekte erst zählt, wenn die Messe gesungen ist. Der Wunsch nach einem Sockel für künftige Denkmäler kommt einfach zu früh. Vor dem Hintergrund könnte man Peer Steinbrück und sein Leben richtig lieb gewinnen. Doch dafür ist es zu spät.

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