Meinung : Das schwache Geschlecht: Väter

Frauen haben in den letzten Jahrzehnten neue Rollen erobert. Jetzt muss die Stellung der Männer in der Familie gestärkt werden

Tissy Bruns

Über das geplante Verbot der heimlichen Vaterschaftstests reden Männer und Frauen sich auf Partys die Köpfe heiß. Kühl lächelnd verteidigen Frauen in solchen Diskussionen den strategischen Vorteil, den die Natur ihnen mitgegeben hat: Die Kinder kriegen wir! Schmallippig rechtfertigen Männer die Heimlichkeiten, zu denen ihre natürliche Unterlegenheit sie zwingt und verlegen sich – wie immer, wenn es heikel wird – auf Nebenkriegsschauplätze: Da soll der Staat sich besser nicht einmischen. Aber der Staat und das „informationelle Selbstbestimmungsrecht des Kindes“, mit dem die Justizministerin ihren Vorstoß begründet, interessieren in Wirklichkeit nicht einmal am Rande.

Das Thema regt uns auf, weil es an die Grundfesten der Geschlechterbeziehungen und menschlicher Identität rührt. Natur, Kultur und Recht haben mehr als einen kleinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht. Noch ungleicher als Männer und Frauen sind Väter und Mütter – und in der Elternbeziehung sind eindeutig die Väter das schwache Geschlecht. Höchste Zeit, über ihre rechtliche Gleichstellung nachzudenken, damit die kulturelle und soziale folgen kann. Denn jeder Mensch will wissen: Wer ist meine Mutter, wer ist mein Vater? Und Kinder brauchen beide Eltern.

„Demokratie darf nicht so weit gehen, dass in der Familie darüber abgestimmt wird, wer der Vater ist.“ Recht listig, dass der „Väteraufbruch für Kinder“ das Wort von Willy Brandt auf seine Homepage schreibt. Brandt wollte damit ja nur einigen überschäumenden Genossen sagen, dass Mehrheitsentscheidungen an den harten Tatsachen des Lebens nichts ändern können. Der Väteraufbruch meint es wörtlich. „Wer der Vater ist“, das ist zwar Tatsache. Aber im wirklichen Leben wird dann und wann durchaus „in der Familie darüber abgestimmt“. Von Müttern, die falsche Väter nennen und richtige verschweigen können. Bisher gilt: Staat und Rechtsnormen können nicht eindeutig sein, wo das Leben selbst Geheimnisse schafft. Deshalb ist Vaterschaft im Bürgerlichen Gesetzbuch Gegenstand ellenlanger Wenn-dann-Definitionen. Für den biologischen Vater interessiert es sich eigentlich nicht, es will einen sozialen dingfest machen. Bei ehelich geborenen Kindern gilt automatisch der Ehemann als Vater. Der nicht-eheliche kann rechtlicher Vater nur werden, wenn die Mutter zustimmt. Die rechtliche Anerkennung einer biologischen Vaterschaft gegen eine Mutter ist nahezu aussichtslos. Rechtliche Mutter eines Kindes ist hingegen schlicht die Frau, die es geboren hat.

Pater semper incertus est – der Vater ist immer unsicher. Das wussten Männer zu allen Zeiten, und sie haben die Frauen dafür büßen lassen. Umfängliche Rechts- und Unterdrückungssysteme wurden erfunden, um Frauen klein zu halten, Erbrechte in Eheverträge und männliche Linien zu zwängen, sitzen gelassene Dienstmädchen und ihre unehelichen Kinder um ihre Rechte zu bringen. Noch in den 70ern musste Willy Brandt sich dafür schmähen lassen, dass er ein vaterloses Kind war.

Seit jeher konnten Ehemänner mit einem kleinen Wink auf die Fragwürdigkeit ihrer Vaterschaft in bodenlose Unsicherheit gestürzt werden. Ein weiblicher Triumph. Doch ausschließlich im privaten Kreis. Denn der ehebrüchigen Frau drohten sozialer Absturz und die Entrechtung ihrer Kinder. Die Frauengeneration, deren Kinder jetzt erwachsen werden, ist die erste, für die der natürliche Vorteil auch echte Macht ist. Ökonomische Unabhängigkeit, ein liberales Scheidungsrecht, auf die Kinder gerichtete Unterhaltsregeln – mit den Kindern kann man viele Frauen heute zu nichts mehr zwingen. Aber umgekehrt können alle Frauen ihre Männer mit den Kindern erpressen. Natürlich nur potenziell, und die allermeisten Frauen sind von dem bloßen Gedanken weit entfernt. Aber nach Gesetzeslage und tatsächlicher Rechtsprechung haben Mütter im Konfliktfall entschieden die besseren Karten. Nicht die „Kuckuckskinder“ sind das entscheidende Thema. Es geht um die Väter, die es sein wollen, aber nicht dürfen, weil sie durch willkürliche Entscheidungen der (nicht ehelichen) Mütter den Kontakt zu ihren Kindern verlieren oder nie aufnehmen können. Die Zahl der Kinder und Väter, die darunter leiden, wächst.

Und das lässt sich auch durch keinen Hinweis auf den „typischen“ Mann, der Frau und Kinder sitzen lässt, aus der Welt diskutieren.

Der genetische Vaterschaftstest bedroht den natürlichen strategischen Vorteil der Frauen, ja, er hebelt ihn aus. Deshalb reden sich Männer und Frauen die Köpfe darüber heiß. Wer der Vater ist oder nicht, das ist zu einer leicht nachweisbaren Tatsache geworden, jenseits aller Definitionen des Gesetzgebers. Wer es unbedingt wissen will, der macht den Test, Verbot hin oder her. Und in vielen Fällen nicht, um eine Vaterschaft anzufechten, sondern um sich zu vergewissern: Der Vater bin ich – und ich will Vater sein für mein Kind. Die kluge Eva hat Adam aus dem langweiligen Paradies ins echte Leben geführt, weil sie ihn an den verbotenen Baum der Erkenntnis gelockt hat. Er hat davon gegessen, reichlich, und schließlich hat er sich das Wissen verschafft, mit dem er das weibliche Ur-Geheimnis enteignen kann. Wenn das keine Kulturrevolution ist! Die Prognose ist nicht gewagt, dass die Justizministerin über kurz oder lang ein paradoxes Ergebnis ihrer Verbotsinitiative besichtigen wird: Die Diskussion darüber, ob und wie die Stellung der (biologischen) Väter im Bürgerlichen Gesetzbuch gestärkt werden kann, ist nicht mehr aufzuhalten. Verständlich, dass jede Frau bei diesem Gedanken spontan in Abwehrhaltung geht. Im Geiste der klugen Eva wäre es aber, ausdrücklich und entschlossen Ja dazu zu sagen.

Die Sache mit den Vätern ist eine Lebenslüge der befreiten Frau. Seit wir unser Geld selbst verdienen, arbeiten und gleichzeitig die Kinder erziehen, rufen wir nach den neuen Vätern. Wollen wir sie wirklich? Die Verhältnisse sprechen dagegen. Das erste Modell des neuen Vaters, der Softi, hat aus guten Gründen bei Männern und Frauen wenig Anklang gefunden; er kam schnell wieder aus der Mode. Die nächsten Varianten waren auch nicht sehr ermutigend: Wer kennt ihn nicht, den jungen Vater, der beim ersten Kind das Babyjahr genommen hat, um sich beim zweiten erst recht in die Galeere der Berufskarriere zu legen? Was ihm nicht zu verdenken ist, denn nicht nur sein Arbeitgeber hat ihn im Babyjahr schief angesehen.

Bei den nicht ehelichen Beziehungen, die inzwischen vollkommen toleriert sind, zeigen sich eigenartig gleichförmige Muster. Nicht eheliche Elternpaare steuern erstaunlich oft genau dann die Ehe an, wenn das erste Kind eingeschult oder das zweite geboren wird. Natürlich wird aus Liebe geheiratet – aber ehrliche Väter geben zu, dass sie sich den letzten Ruck zur Ehe auch wegen der besseren Rechtsstellung zu ihren Kindern gegeben haben. Schließlich hat inzwischen fast jeder einen Kumpel, der verarmt und isoliert von seinen Kindern in einer Wohngemeinschaft kampiert.

Die Frauenbewegung hat die alte deutsche Mutterideologie nicht nur nicht abgeschafft. Die befreite Frau hat, jedenfalls in Deutschland, die tradierten Formen der Mütterherrschaft sogar um eine neue Variante bereichert, die dem Neuen Vater wenig Chancen lässt: das aufgeklärte Matriarchat. Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie die Webseite von „single-generation“, die als neue Avantgarde der modernen Frau die „Hausfrau“ entdeckt, die als Managerin der Familie und Mutter ihre Erfüllung findet.

Andererseits: Kennen wir nicht alle eine Frau X in unserem Bekanntenkreis, die mit Abitur und abgeschlossenem Studium tatsächlich nach dem Muster der „refeudalisierten Hausfrauenfamilie“ lebt? Gebildete Gattin, Top-Haushalt, perfekte Kinder. Und wie sind die internen Herrschaftsverhältnisse denn in den Familien, die den Traum der 80er Jahre halbwegs verwirklicht haben? Den von der neuen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, von der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern?

Väter arbeiten mehr als andere Männer, hat die Basis-Studie „männer leben“ gerade ermittelt, die im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgegeben wird. 44 Prozent aller Väter erhöhen nach der Geburt des ersten Kindes sogar ihr berufliches Engagement; schließlich muss mehr Geld ins Haus. Und: Selbst in den Familien, in denen wirklich eine neue Arbeitsteilung zwischen Vätern und Müttern herrscht, weil beide beruflich gleich belastet sind, findet man die stille Vorherrschaft der Mütter. Bei näherem Hinsehen zeigt sich fast immer, dass die Mutter eher die kindernahen Aufgaben, der Vater die logistischen Pflichten übernimmt. Die traditionelle Arbeitsteilung, die im öffentlichen Leben überwunden wird, bleibt im häuslichen Rahmen ein taugliches Modell.

Das ist die Lebenswirklichkeit von Müttern, Vätern und Kindern, jenseits der Sonntagsrede von den neuen Vätern. Nach drei Jahrzehnten neuer Frauenbewegung ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass die erkämpfte Freiheit wunderbar ist – und verstörend. In Großstädten wie Berlin werden neuerdings Sozialdaten erhoben, die ausweisen, dass mehr Frauen als Männer arbeiten. In der feminisierten Erziehungswelt von Familien, Kindergärten und Schulen werden die Jungen zu den Verlierern mit den schlechteren Schulnoten und Abschlüssen. Es macht sich ein ziviles Trümmerfrauen-Syndrom breit: Während die Frauen immer mehr Pflichten übernehmen, weiß eine total verunsicherte Männerwelt nicht mehr, wofür sie eigentlich zuständig ist, schon gar nicht im privaten Raum. Die Frauen haben neue Rollen erobert, die Männer nicht.

Dabei möchten Väter ihren Kindern gerne bessere, andere Väter sein als ihre eigenen es sein konnten. Und in der Zielstrebigkeit, mit der Frauen ihre Mutterrolle ausfüllen, drückt sich keineswegs nur Freiheit aus. Sondern eine instinktive Suche nach Schutz und Sicherheiten für die Kinder, die den Familien verloren gegangen ist. Denn in allen Partnerschaften, ob ehelichen oder nicht, lauern die Gefahren. Wer kann garantieren, dass die Zwei-Eltern-Familie ein verlässliches Nest bleibt, bis die Kinder groß sind? Jede Frau hat schon bis aufs Blut streitende Eltern gesehen. Manchmal bei den besten Freunden, bei denen sicher schien, dass sie nie im Leben an den Kindern zerren würden. Die dominante Mutterrolle erwächst aus einer Mischung von Macht und Unsicherheit: Wenn es bei uns passieren sollte, dann muss klar sein, wohin die Kinder gehören. Vor deutschen Gerichten geht das meistens auf; gegen Mütter, die das Umgangsrecht unbedingt aushebeln wollen, haben Väter keine Chance. In vielen Fällen zerreißen die Bindungen zwischen Kindern und Vätern, auch gegen deren erklärten Wunsch.

Wenn Beziehungen in Streit und Hader enden, erreicht die starke Mutter also oft das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war. Das Nest ist halb leer, in dem der Vater fehlt. Ein Kind, das sich von einem Elternteil verlassen glaubt, erleidet einen großen, kaum wieder gut zu machenden Verlust, eine Wunde, die für das ganze Leben geschlagen wird. Verarbeitet wird das Dilemma nach dem alten Motto, dass der Vater nicht so wichtig ist. Doch diese Haltung war immer nur ein Notbehelf. Sie stand den unterdrückten Frauen zu, die über Schwangerschaft und Geburt nicht selbst entscheiden konnten, die ihre Kinder gezwungenermaßen allein großziehen mussten. Frauen, die ihr Leben in die Hand nehmen und selbst entscheiden können, dürfen sich nicht darauf berufen: Es darf keine akzeptierte Norm sein, den Vater willkürlich beiseite zu schieben. Denn das ist eine Anmaßung gegenüber Kindern, die grundsätzlich ein Recht auf Kenntnis ihrer Herkunft und ein Recht auf Vater und Mutter haben, das nur ausnahmsweise verletzt werden darf.

Warum die kluge Eva entschlossen Ja sagen sollte zu neuen Rechten für die Väter? Nicht nur, weil es einfach gerechter wäre. Nicht nur, weil die größte Sicherheit gegen die lauernden Gefahren zwei Eltern sind, die sich zusammen oder getrennt um ihre Kinder kümmern. Dass Frauen den öffentlichen Raum erobert haben, die Männer aber den privaten nicht, bezahlen die Frauen mit latenter Überforderung. Es spricht nichts gegen die Vermutung, dass Männer gleiche Erfahrungen machen werden wie die Frauen: Mehr Rechte führen unweigerlich zu mehr Verantwortung. Vater eines Kindes ist der Mann, der es gezeugt hat – auf diese Norm sollten Kinder, Frauen und Männer sich berufen dürfen.

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