Meinung : Das Sein bestimmt auch ihr Bewusstsein

Integration funktioniert über ökonomischen Erfolg und soziale Anerkennung Von Nassir Djafari

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Ist der Islam die Wurzel allen Übels? Verfolgt man die öffentliche Debatte über die Integration von Zuwanderern, könnte man diesen Eindruck gewinnen. Medienberichte und Politikerreden suggerieren häufig, dass Religion und Kultur die Gründe dafür sind, dass muslimische Zuwanderer in diesem Land noch nicht „angekommen“ sind. Dementsprechend steht die Forderung nach dem Bekenntnis der Migranten zu den Werten der deutschen Gesellschaft im Vordergrund der Integrationspolitik. Das zeigt unter anderem auch der Einbürgerungstest in vielen Bundesländern.

Die Lebenswirklichkeit der jungen Migranten, deren Eltern oder Großeltern aus der Türkei und anderen islamischen Ländern nach Deutschland gekommen sind, lässt Zweifel an diesem Erklärungsmuster aufkommen. Die schulische und berufliche Entwicklung der hier geborenen Migranten ist voller Hindernisse. In keinem anderen Zuwanderungsland weisen Migrantenkinder ein so niedriges Bildungsniveau auf wie in Deutschland, und kein anderes Schulsystem tut so wenig für deren Förderung. Spätestens seit der Veröffentlichung der Pisa-Studie ist dies allgemein bekannt. Die negative Karriere vieler Jugendlicher aus Einwandererfamilien setzt sich nach der Schule fort: Nur 25 Prozent der jugendlichen Migranten mit Hauptschulabschluss schaffen es einen Ausbildungsplatz zu finden.

Junge Menschen, die vom beruflichen Aufstieg ausgeschlossen sind, haben es schwer, sich mit unserem Gesellschaftssystem zu identifizieren. Sie wenden sich ab. Auf diese Weise wird das Entstehen von parallelen sozialen Strukturen begünstigt, in denen die religiösen und kulturellen Werte wie in einem Treibhaus von der Außenwelt abgeschlossen gepflegt werden. Wir können froh sein, dass es in Deutschland noch nicht so weit ist wie in Frankreich oder Großbritannien, wo viele jugendliche Migranten aus den Vorstädten kaum noch Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung haben.

Das Gefühl, nicht anerkannt zu werden und in sozialer Unsicherheit zu leben, führt tendenziell zu Radikalisierungen. Aus der Ignoranz gegenüber der Lebensweise der jeweils „anderen“ erwächst auf beiden Seiten, der Mehrheitsbevölkerung und der Zuwanderer, Angst vor Überfremdung beziehungsweise Identitätsverlust, die sich von Extremisten leicht ausbeuten lässt. Ökonomische Sicherheit und soziale Anerkennung sind daher wichtige Voraussetzungen, damit Menschen über die eigenen Werte reflektieren und sich auf ihr soziales Umfeld einlassen. Nur dann kann man – wie die iranisch- niederländische Ethnologin Halleh Ghorashi schreibt – einzelne Aspekte des eigenen kulturellen Hintergrunds infrage stellen. Umgekehrt führt die Betonung der Kultur bei der Erklärung von gesellschaftlichen Problemen dazu, dass sich die Migranten hinter ethnische Grenzen zurückziehen, um ihre eigenen Werte zu verteidigen.

Wir sollten unseren Blick daher nicht nur auf das Trennende zwischen muslimischen Einwanderern und der Mehrheitsgesellschaft richten, sondern das Verbindende vertiefen, so dass es Wurzeln schlagen kann. Hierzu ist der lebendige Austausch zwischen den „neuen Deutschen“ und der Aufnahmegesellschaft im Stadtteil, in der Schule und am Arbeitsplatz notwendig. Nachbarschaften mit überwiegend zugewanderten Mietern, Hauptschulen mit 80 Prozent Migrantenkindern und Betriebe, die junge türkische Bewerber abweisen, erschweren das Zusammenwachsen unserer gemischten Bevölkerung.

Deutschland hat es gut – hier gab es noch keine Unruhen jugendlicher Migranten, und es herrscht bei uns noch eine Offenheit im Umgang miteinander, die in den Niederlanden leider vorläufig verloren gegangen ist. Gleichwohl steht auch bei uns das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen auf schwachen Füßen. Sie zu stärken und abzusichern erfordert Initiativen in verschiedenen Politikfeldern, vertikal auf allen Ebenen unseres föderalen Staates und horizontal quer durch die Bevölkerung.

Der Autor, 1952 im Iran geboren, arbeitet als Experte für Entwicklungspolitik bei der KfW Bankengruppe und ist Mitglied der Islamkonferenz, die am heutigen Mittwoch zum zweiten Mal zusammentrifft.

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