Meinung : Das System stimmt nicht

„Unter Ausschluss“ vom 9. März

Erst kürzlich habe ich eine Freundin Anfang 30 bei ihrem schweren Gang in eine psychiatrische Einrichtung im Westen Berlins begleitet. Die dort vorherrschenden Bedingungen und Zustände waren erschütternd, und ich fühlte mich tatsächlich an einen Gefängnisbesuch erinnert, innerhalb dessen ich vor Jahren im Baltikum recherchiert habe. Obwohl die einzige Diensthabende an diesem Abend im Berliner Aufnahmezentrum ausgesprochen freundlich und bemüht war, konnte sie das Debakel um sich herum kaum kaschieren.

Es ist wie in dem Artikel beschrieben und die Problemgemengelage um die

Betreuung psychisch Kranker in Deutschland scheint desaströs. Das schlägt sich offensichtlich auch in der Diagnosestellung nieder. So hat meine Bekannte über Jahre hinweg diverse und immerzu neue Befunde für ihr Leiden eingeheimst und stetig Psychopharmaka verschlungen, weil verschrieben bekommen; mit dem Resultat, dass sich ihr Krankheitsbild verschoben hat und sie sich mit ihren Qualen weiter allein gelassen und missverstanden fühlt.

Zugegeben, Ursachen und Symptome psychischer Störungen sind komplex. Sie korrelieren mit einem in diesem Bereich linear abgeschlafften Gesundheitssystem, innerhalb dessen viele beteiligte Akteure bereits resigniert haben. Aus diesem Impuls heraus können oder wollen sie keinen individuellen Ansatz verfolgen. Nutznießer sind die Pharmaerzeuger, denen die Ärzte verantwortungslos in die Karten spielen: Ruhe durch Tabletten.

Der durch die schlimme Einrichtung ausgelöste Schockeffekt war es, der meine kranke Freundin dazu bewegt hat, umgehend wieder nach Hause zu gehen. Professionelle Hilfe und Aussicht auf Besserung hat sie dadurch nicht.

Rouven Brunnert, Berlin-Schöneberg

Christiane Tramitz schildert sehr berührend die bedrückende Stimmung in den Heimen und die ausweglose Situation der dort lebenden „psychisch kranken“ Menschen. Ich kann den Eindruck leider nur bestätigen. Als wir (Freie Universität Berlin und Katholische Hochschule) 2004/2005 diese Studie durchgeführt haben, war die Situation genau so wie beschrieben.

Ich kenne die beiden Heime, die im

Artikel erwähnt werden, konnte diese im Rahmen der Studie besichtigen und auch Menschen kennenlernen, die dort lebten und teilweise immer noch dort leben.

Die Heime (das Personal und die Heimleitungen) sind zum Teil bemüht, aber es ist das ganze System, welches nicht stimmt. Ein großes Problem in Berlin ist, dass die „psychisch kranken“ Menschen, die in einem Heim untergebracht werden, nicht mehr in dem System der Eingliederungshilfe bleiben, sondern mit Heimeinweisung in das System der Pflegeversicherung „verschoben“ werden. Und damit fallen sie eben aus dem eigentlich für sie zuständigen System der Eingliederungshilfe heraus (außer bei den wenigen Übergangswohnheimen, in denen aber durchaus auch Menschen auf Dauer leben). Das hat damals auch sicher mit dazu geführt, dass es häufig hieß, „wir haben keine Heime für psychisch Kranke hier im Bezirk“.

Ich hoffe, dass der Artikel ein bisschen Staub aufwirbelt und es wäre wirklich gut, nach einem Jahr den politisch Verantwortlichen wieder „auf die Finger zu schauen“. Das Problem ist ja meist, dass immer kurz danach ein wenig über die Situation geklagt wird, und dann „wächst die Zeit drüber“. Das war ja letztlich mit unserer Studie auch nicht anders. Wir hatten die Ergebnisse auch Herrn Beuscher vorgestellt.

Und wir hatten eine Tagung hierzu geplant, die wir eigentlich etwas größer gestalten wollten, als sie dann ausfiel. Trotzdem konnten wir auf einigen Tagungen darüber berichten. Auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Gemeindepsychologie 2008 fand zusammen mit Heimbewohnern und -bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Genthiner Str. ein Workshop statt, in dem es zu einem gleichberechtigten Austausch kam. Aus diesem Workshop ist auch ein Artikel entstanden. Mitautorinnen sind hier einige Bewohner/-innen der Genthiner Str. (http://www.gemeindepsychologie.de/g-1-2009_03.html). Es war uns in der Studie wichtig, Menschen, die in den Heimen wohnen, ihre Lebensgeschichte aus ihrer Perspektive erzählen zu lassen.

Die Autorin schildert sehr eindrucksvoll, wie die Menschen dort leben, dass sie nicht dort sein möchten, auf baldige Entlassung hoffen, die sehr oft nicht stattfindet, wie auch wir in unserer Studie feststellen mussten. Und – es sind auch nicht nur die „alt gewordenen psychisch Kranken“, die in Pflegeheimen untergebracht werden, wie uns damals oft gesagt wurde – wir haben Menschen kennengelernt, die noch nicht einmal 30 Jahre alt waren! Hierzu empfehle ich einfach, einen Blick in das Buch zur Studie zu werfen: Mit der Diagnose „chronisch psychisch krank“ ins Pflegeheim?, Mabuse Verlag, Frankfurt/Main 2007.

Rubina Vock, Freie Universität Berlin

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