• Das Tor ist zu – die Stadt ist offen Wie sich Berlin von seinen Symbol-Streitereien emanzipiert

Meinung : Das Tor ist zu – die Stadt ist offen Wie sich Berlin von seinen Symbol-Streitereien emanzipiert

Gerd Nowakowski

Das Brandenburger Tor bleibt geschlossen – und kaum jemand regt sich auf. Am bittersten klagt die Berliner FDP, dass sich die notorischen Autofeinde und Straßenblockierer der rot-roten Koalition in Berlin durchgesetzt hätten. Da müssen sich die Liberalen schon entscheiden: Anfang des Monats hieß es bei der FDP noch, „wenn schon schließen, dann auch komplett“. Dafür aber glaubt inzwischen selbst der Chef der Berliner Taxiinnung, der Pariser Platz werde für die Menschen durch die Sperrung für den Verkehr attraktiver, die Tourismus-Gesellschaft findet die Senats-Entscheidung „klasse“ und die Industrie- und Handelskammer ist auch dafür. Wer hätte das gedacht?

Vor zehn Jahren jedenfalls niemand. So lange nämlich streitet die Stadt schon um die freie Durchfahrt durch das Symbol der deutschen Einheit. Hat die Stadt keine größeren Probleme? Schon, aber nur wenige Orte, die mit so viel Symbolik aufgeladen waren, an dem die jahrzehntelange Spaltung der Stadt so gegenwärtig blieb – über den Fall der Mauer hinaus. Wer nach der Wende an der freien Durchfahrt rühren wollte, erntete Empörung. Doch inzwischen ist das Brandenburger Tor, das beim Mauerfall verwaist auf einem öden Platz stand, in die Mitte der Stadt gerückt. Der Pariser Platz ist vollständig neu bebaut wieder zum Herzen Berlins geworden. Und plötzlich ist die Mehrheit der Berliner überzeugt, der Platz sei viel zu schön für den Autoverkehr.

Manchmal ist Politik auch die Kunst des geduldigen Abwartens, mag sich der Berliner Senat gedacht haben. Als die rot-grüne Landesregierung 1989 auf der Berliner Avus Tempo 100 verordnete, galt dies nahezu als Anschlag auf die Freiheit der noch eingemauerten Stadt. Heute regt sich darüber nicht mal mehr der ADAC auf. Gleiches gilt auch für die Busspuren, die inzwischen in den stets nörgelbereiten Taxifahrern ihre heftigsten Befürworter haben. Manchmal setzen sich eben auch Argumente durch – oder die zwangsweise Entwöhnung. Denn die Autofahrer haben seit Mai während der Sanierung des Brandenburger Tores schon mal erfahren können, dass der Stadt kein Verkehrskollaps droht, wenn es zu bleibt. Und die Stadt ist zusammengewachsen, die Symbolik verblasst. Auf dem gesperrten Platz können sich die Menschen nun „völlig frei bewegen“, dürfen die Tourismus-Werber loben. Und niemand stutzt dabei.

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