Meinung : Das Versagen der anderen

Siemens hat seine Handy-Sparte verkauft – jetzt ist auch BenQ gescheitert

Ursula Weidenfeld

Selten liegen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung so weit auseinander wie zurzeit bei Siemens. Siemens-Chef Klaus Kleinfeld und seine Vorstandskollegen haben das Gefühl, dass sie in den vergangenen Jahren Herkulesarbeit geleistet – und deshalb eine gewaltige Gehaltserhöhung verdient haben. Die Mitarbeiter der früheren Siemens-Mobiltelefonsparte in Bocholt und Kamp-Lintfort haben das Gefühl, dass Klaus Kleinfeld und seine Vorstandskollegen sie zuerst verraten und dann verschenkt haben. Ihr Unternehmen steht heute vor der Insolvenz: obwohl die Arbeitnehmer Gehaltsverzicht geübt haben, obwohl sie länger arbeiten und auf Privilegien verzichten wollten. Vor einem Jahr hat Kleinfeld die Handysparte in höchster Eile an den taiwanesischen BenQ-Konzern abgegeben und noch einen dreistelligen Millionenbetrag draufgelegt. Damit er den Schlussstrich nicht selbst ziehen musste? Ist es falsch, wenn ein Unternehmen Insolvenz anmeldet, weil es fortwährend Geld verliert? Das ist nicht falsch. Das ist richtig. Dass der taiwanesische BenQ-Konzern es nicht geschafft hat, die deutschen Handywerke von Siemens zu sanieren, ist schlimm. Doch zum Entschluss, die Werke in Kamp-Lintfort und Bocholt abzugeben, gab es offenbar keine Alternative mehr.

Für Siemens liegt der Fall anders. Für den Münchner Konzern ist das Schicksal der beiden Handywerke eine Niederlage und das letzte Zeugnis für ein grandioses Scheitern auf einem seiner zentralen Kompetenzfelder. Siemens ist ein Unternehmen, das mit Kommunikationstechnik groß geworden ist. Dass das Unternehmen bei den Mobiltelefonen nicht nur als Technologieführer versagt hat, sondern auch in seiner gesamten Führungs- und Managementtradition, zeigt vielleicht deutlicher als alles andere, wie groß die Probleme in der Firma sind.

Zwar darf man nicht unterstellen, dass Siemens nicht viel versucht hätte, um seine Mobilfunksparte auf festen Boden zu bringen. Zuerst wurden mit den Mitarbeitern Standortsicherungsverträge geschlossen. Danach ging Siemens auf Tour und suchte händeringend jemanden zur Kooperation in dem schwierigen Geschäft. Alle potenziellen Partner winkten jedoch ab. Denn Nokia und Motorola, die Großen der Branche, hatten längst ihre eigenen Partner gefunden – sie hatten einfach früher erkannt, dass Mobiltelefone kein exklusives Gut mehr sind, sondern Massenware. Und gehandelt. Für Siemens blieb der Partner BenQ. Der kannte den Markt nicht, auf dem Kundennähe das Kriterium für den Erfolg ist. Das war schon beim Verkauf offensichtlich – doch Siemens hatte nicht den Mut, selbst die Konsequenzen zu ziehen.

Dass das Siemens-Management sich parallel zu dem Desaster eine gewaltige Gehaltserhöhung genehmigen lassen hat, ist in der zeitlichen Abfolge ein Zufall. Dennoch ist es falsch. Wer seinen Gehaltszettel vergleichen will, muss auch ertragen, dass seine eigenen Leistungen verglichen werden: Weder hat man gehört, dass Kleinfeld und seine Kollegen in den letzten Monaten wegen überragender Leistungen mit Angeboten der Konkurrenz überhäuft werden. Noch kommen sie in der nächsten Problemsparte – der Informationstechniksparte SBS – voran. Wenn von Siemens am Ende mehr übrig bleiben soll als die zurzeit sehr erfolgreichen Sparten Medizin- und Energietechnik, muss Kleinfeld sich außerordentlich anstrengen. Wenn es gelingt, hat er seine Gehaltserhöhung tatsächlich verdient. Wenn nicht, gibt es Siemens nicht mehr.

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