Meinung : Das Weltwunderkind

Überall wird Michael Jackson betrauert, gefeiert, verehrt. Ein Popstar löst ein emotionales Erdbeben aus. Wie kommt das?

Caroline Fetscher
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Foto: Kai-Uwe Heinrich

Mitten im Gespräch verlor die Leiterin des Kölner Neverland-Fanclubs, Monika Petzold, ihre Fassung und konnte, mit andrängenden Tränen kämpfend, nicht weiterreden. Es war der Tag nach der Nachricht. Taktvoll brach die Radiomoderatorin das Interview ab. Offensichtlich hatten die Trauer um Michael Jacksons Tod und die Empörung über alle, die in der Stunde der Not „nicht für ihn da waren“, die Fanclub-Chefin vollends überwältigt.

Das Erstaunlichste daran ist, dass es Abermillionen Monikas gibt, überall auf der Welt. Sie klagen, als habe sie ein universeller Sinnstifter verlassen. Von Sydney bis Seoul, von Tokio bis Toronto ist der Trauerchor zu hören, milliardenfach tanzt und moonwalkt der Star über die Bildschirme, bis zur Trauerfeier am Dienstag in Los Angeles wird das nicht abreißen. Jacksons Rhythmen und Melodien erklingen in New Yorker Apartments, in afrikanischen oder lateinamerikanischen Wellblechbehausungen, in irakischen und malaysischen Straßencafés. „Von Riga bis Rio“, schreibt der „Economist“, tanzen sie seine Moves. Auf einer Philippineninsel reinszenieren die Insassen einer Haftanstalt ihre zum Jacksons-Hit „Thriller“ entstandene, militärisch anmutende Choreografie. Es kondolieren „Freunde“ Jacksons wie Steven Spielberg, Elizabeth Taylor, Liza Minnelli, Elton John, Diana Ross, Sophia Loren, Tina Turner oder der Löffelverbieger Uri Geller. Tausendfach hinterlassen Fans dem überlasteten Internet ihr „Michael, wir vermissen dich“ als Refrain ihrer Sehnsucht nach dem Idol.

Warum in aller Welt wird ein Popstar in aller Welt gefeiert? Was macht Michael Jackson zur globalen Ikone von derart beispiellosem Ausmaß?

Der Prozess der Vermittlung zwischen dem Publikum und diesem Star läuft über zahllose Strömungen. Anteil am Erfolg hat sicherlich Jacksons musikalische Fusion aus Soul, Funk und Pop, die ästhetische Spannweite, mit der er viele Geschmacksrichtungen aufsog. Außerdem ist Jacksons weltweite, durch den plötzlichen Tod noch einmal massiv anschwellende Wirkung ohne die massenmediale Globalisierung durch Musiksender wie MTV nicht denkbar. Aber all das erklärt das Phänomen noch nicht. Schließlich vermarktet MTV Hunderte von Stars.

Jacksons Fangemeinden tun kund: Er war ein Genie an Perfektion, Präzision, Disziplin! Schwereloser Tanz, totale Konzentration, totale Hingabe! Er war der King, der Größte, der Beste! Im selben Tenor staunte Martin Scorsese, den Jackson für die Produktion von „Bad“ engagiert hatte: „Jeder Schritt von ihm war absolut präzise und zugleich flüssig. Es war, als sähe man Quecksilber in Bewegung.“ Beim späteren Jackson konnte man meinen, einen Androiden mit nahezu roboterhaft einstudierten Bewegungsabläufen zu erleben, die Suggestion der vollen Kontrolle über jeden Muskel und jede Sehne. Seine Wandlung vom schwarzen Wunderkind zur halbstarken Glamourfigur und weiter zur weißen, kindlich-androgynen Diva addierte neue Bilderwelten zum Prisma. Indem sich Michael Jackson scheinbar mühelos zum Spielzeug seiner selbst, zum Verwirklicher von Fantasien machte, schien er zu beweisen: Ich kann alles mit mir und aus mir machen! Du kannst alles mit dir, aus dir machen.

In der hochbeweglichen, internationalen Sphäre der Märkte sollen Individuen zunehmend stark konturierte Einzelkämpfer sein, und zu gleicher Zeit bereit sein zu jeder Anpassung, Veränderung. Über diesen agonalen Widerspruch schien sich Jacksons Körper hinwegzusetzen, indem er es als Ideal propagierte, ihn zu akzeptieren, eben als könnte man so mit sich und anderen spielen, dass selbst die aus ihren Gräbern ausgebrochenen, Lust verbietenden Toten in Formation mittanzen, wie in dem erstaunlichen Video zu „Thriller“. Ununterbrochen änderte der Star seinen Phänotyp, seinen Auftrittsstil. Was ist das Verführerische einer Vorführung von physischem und psychischem Morphing? Woher die bis zur Hysterie reichende Verzückung der Fans?

Es ist, als wäre ein Kind gestorben, schrieb ein Kommentator über die Reaktionen auf den Tod des Fünfzigjährigen. In der zutreffenden Beobachtung liegt vielleicht der Schlüssel für das Geheimnis der massenhaften, weltweiten Rezeption Michael Jacksons. Irgendwo im Lebensalter von fünf bis fünfzehn hielt er sich auf, selbst noch als Autor und Komponist der eigenen Hits. Nur beim Verhandeln mit Musikproduzenten und Konzertagenturen griff er offenbar Aspekte der väterlichen Businesshärte auf.

Während Michael Jackson Aufmerksamkeit und Huldigungen mit Liebe verwechselte, schossen seine Botschaften hin und her, zwischen präpolitischem Kitsch wie in „Heal the World“ oder „Heal the Kids“ oder brachialer, jugendlicher Tobsucht wie in „Why you Wanna Trip on Me“ auf dem „Dangerous“-Album von 1991. Direkt oder indirekt blieb das Infantile, Adoleszente immer Jacksons alles bestimmendes Thema. Genau hier aber begegnete ihm in aller Welt sein Publikum. Was den Star universell kompatibel macht, das ist sind die Dispositive und Fantasien von ewiger Kindheit und vermeintlicher Freiheit, die als seine implizite Botschaft verstanden werden.

„Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen“, schrieb der kanadische Historiker Lloyd de Mause 1974. „Je weiter wir in die Geschichte zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell missbraucht werden.“ Seit seiner Erfindung im 18. Jahrhundert wird der Kontinent der Kindheit überhaupt erst, Fragment für Fragment, entdeckt. Weil Kindheit generell der Amnesie unterworfen ist, weil ihr Potenzial an Genuss so tabuisiert wurde, wie man ihre enorme Verletzbarkeit leugnete, ist es mit dem universellen Schutz der Kindheit, den internationale Konventionen nach dem Zweiten Weltkrieg zu versprechen begannen, noch nicht weit her. Bisher haben 24 von 192 Staaten der Erde den Schutz der Kinder vor Gewalt gesetzlich verankert, noch längst ist die zivilisatorische Kluft nicht geschlossen, die in Jahrhunderten der Grausamkeit entstand. Unzählige Generationen Erwachsener entwarfen ihre Biografien, gezielt oder unbewusst, als Rache am verweigerten Glück der Kindheit als Glücksverhinderer ihres Nachwuchses.

Mit der Entdeckung der Kindheit im 18. Jahrhundert wurde dieser Kontext erstmals ruchbar. Eigens für Kinder gedachte Narrative entstanden, vor allem im anglophonen und skandinavischen Sprachraum. Bevölkert waren sie, wie schon die Kinder- und Hausmärchen, von auffällig vielen Waisenkindern, Tierkindern und monströsen Erwachsenen. Charles Dickens’ „Oliver Twist“ (1827) wählte, wie Mark Twains „Prinz und Bettelknabe“ (1881), einen Jungen ohne Eltern zum Helden. 1865 tauchte Lewis Carolls kindliche Alice in ihrem einsamen, absurden Unterwelt, einem „Wunderland“ voller Paradoxien auf. Rudyard Kiplings kolonialistisches „Dschungelbuch“ schloss 1894 an Wolfskindmythen an und 1902 erfand der Schotte James Matthew Barrie mit „Peter Pan“ den Jungen, der nicht erwachsen werden wollte, und nach dessen Fantasieort Michael Jackson seine Traumranch taufte. Sogar die vergnügte Pippi Langstrumpf, die 1945 erschien, lebt ohne Eltern und mit einem Affen nach ihren eigenen Gesetzen. Heute werden all diese klassischen Kindernarrative zusätzlich und hauptsächlich als Filme oder Comics übermittelt, für die Schicht, der Jackson entstammte, gilt das erst recht – und es galt für seine Generation als erste.

Millionenfach medial vervielfältigt wirkt die Erwachsenenwelt der Jetztzeit noch überwältigender, unübersichtlicher, übermächtiger als je zuvor. Neben faszinierenden Konsumtempeln und Turbotechnik finden sich hier pausenlos Katastrophen, Kriege, Konkurrenz, Korruption, Arbeitslosigkeit. Der Kindheit wird vielfach ein Kitschkosmos der Niedlichkeit zugeschrieben (sie sind „süüüß!“), worin sie weder ihre Ängste noch ihre gesunden Wünsche wiederfinden.

Nur physische und finanzielle Potenz scheint das Aufschließen zur erwachsenen Ebene begehrenswert zu machen, die Jüngeren wollen Superstars werden, Bodyguards, Models, ihren Jargon versetzen sie mit Superlativen wie „total“, „krass“, „voll“, „mega“. Wenn schon groß werden, dann bitte allmächtig. Aber Omnipotenz existiert nur in der magischen Sphäre der Kindheit, wo sie wenigstens in der Fantasie Schutz bietet.

Michael Jackson, der wie unzählige Kinder in aller Welt solchen Schutz nie besaß, inszenierte die absolut gewordene Sehnsucht danach und die Illusion, ihn magisch herstellen, jeder Gefahr entrinnen zu können. Er gleicht darin übrigens dem wohl einzigen anderen globalen Kinder- und Jugendstar, dem fiktiven Zauberlehrling Harry Potter. Jackson streute, schleuderte einen wahren Überschuss an infantilen und adoleszenten Zeichen in die Öffentlichkeit, im Angebot war er als Junge, Mädchen, Zwitterwesen, Fabelgestalt, kindliche Diva, brutaler Macho, als Maske, Statue, Guerillero, Held, Zauberer, Märchenprinz; für Videos ließ er sich zur Raubkatze morphen oder zum Totenschädel mit Vampirgebiss. Du kannst dich selber herbeiträumen, wie du willst, lautete die Botschaft. Im selbst entworfenen „Neverland“ teilte er mit einem Schimpansen, manchmal auch mit Kindern, Bett und Bad, in seinem Privatzoo grasten Giraffen und drehten sich Karussells.

Auf einem Territorium voller Accessoires, Fetische und Spielzeug, wo keinerlei Reife und Erwachsenwerden nötig schien, katapultierte er sich ins Jenseits der Realität. „Neverland“-Besuch bestand aus Kindern, Quacksalbern, Hollywoodstars und Sektierern. Bei seinen Auftritten trug Jackson Glitzerkostüme und Uniformen einer eigenen Fantasiearmee. Beim Tanzen fasste er sich für Sekundenbruchteile in den Schritt. Ungeniert wie ein Kind, ostentativ provokant wie ein Teenager deutete er mitten in der fast mechanisch glatten Präzision auf Trieb wie Getriebenheit. 1992 brach dabei im postsozialistischen Bukarester Publikum vollends Hysterie aus.

Dann wieder verlor er für Augenblicke alle Macht, wie vor dem Präsidentenpaar Ronald und Nancy Reagan. Da hauchte Jackson mit Mädchenstimme seinen Dank an „Mr. President“, ins Zwergenhafte geschrumpft. In beiden Seiten dieser öffentlichen Figur konnte sich das Publikum wiedererkennen, im vermeintlich magischen, omnipotenten Bühnenheld wie im zerbrechlichen Kind. Der eine tat, was das andere sich wünschte.

Statt der Rache des Erwachsenen an Kindern und Kindheit nachzugeben, zelebrierte er eine Fusion aus Fantasie und Kommerz, in der er das zentrale, zerbrechliche, ewige Weltwunder und Wunderkind blieb. Als solches aber war Jackson den Fans unsterblich, er durfte nicht älter werden, einer von „denen“. Dass er dennoch gealtert, kollabiert und viel zu früh gestorben ist, stellt eine narzisstische Kränkung für die Fangemeinde da. Jetzt sieht sie ihre einzige Chance darin, das Objekt für immer in den akustischen und visuellen Konserven zu erhalten und aufrufen zu können, mit denen es sie und sich belieferte.

Der reale Michael Jackson war, soweit wir wissen, real gequält vom Trauma einer Kindheit in einem kommerziell musizierenden Familienzirkus, den der profitgierige Vater mit Prügelstrafe und Liebesentzug am Laufen hielt. Aus den phantasmatischen, den traumatischen, größenwahnsinnigen und sehnsüchtigen Regungen und Erfahrungen der Kinderzeit gewann Jackson Energie und Material. Und genau das wiederum – der geahnte, durch die Performanz und Perfektion schimmernde, reale Hintergrund von Wut, Hass und Weigerung – verlieh ihm bei Auftritten auf allen fünf Kontinenten das Quantum an sogenannter „Authentizität“, auf die sein Publikum Hunger hatte.

Den brutalen Vater hat Jackson nicht wegzaubern können aus seiner Erinnerung. Aus dem Testament streichen konnte er ihn immerhin. Kaum jemanden hört man dieser Tage, Fan oder Nichtfan, den das nicht freut.

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