Meinung : „Das wird eine Koalition, die Polen verändert“

Thomas Roser

Im Haus des künftigen Regierungschefs im westpolnischen Gorzow (Landsberg) flossen die Tränen. Sie habe zwar damit gerechnet, dass ihrem Sohn im neuen Kabinett eine wichtige Funktion zufallen werde, freute sich Teresa Marcinkiewicza über den anstehenden Karrieresprung: „Nie“ jedoch hätte sie gedacht, dass ihr Kazimierz „so hoch“ gelangen könnte. Doch mit der Nominierung von Kazimierz Marcinkiewciz zum Premier-Anwärter hat Jaroslaw Kaczynski, der Chef der nationalkonservativen PiS, nicht nur dessen Mutter überrascht. „Ein Premier wie ein Kaninchen aus dem Zauberhut“, wunderte sich auch der „Superexpress“ über die Beförderung des Hinterbänklers.

Im heimischen Gorzow ist der ehemalige Physik-Lehrer hingegen bereits seit Jahren eine feste politische Größe. Schon Anfang der 90er Jahre hatte sich der bekennende Katholik in der christdemokratischen ZChN engagiert. Von 1992 bis 1993 war der 46-Jährige unter Premierministerin Hanna Suchocka Staatssekretär im Erziehungsministerium. Aufsehen erregte er damals mit seinem Feldzug gegen die Einführung von Sexual-Aufklärung an den Schulen.

1997 wurde der Mann mit der hohen Stirn als Kandidat der konservativen AWS erstmals in den Sejm gewählt. Von 1999 bis 2000 war er zeitweilig Kabinettschef des glücklosen Premiers Jerzy Buzek. Damals erwies er sich seinem Umfeld treu: Mehreren Freunden aus Gorzow vermittelte er in der Hauptstadt lukrative Jobs bei staatlichen Institutionen.

Rechtzeitig setzte sich Marcinkiewicz dann 2001 von der zerfallenden AWS ab und zog für die neu gegründete PiS in den Sejm ein. In der Opposition profilierte sich der als fleißig geltende Mann als Wirtschafts- und Finanzexperte, wurde Vorsitzender des Privatisierungsausschusses. In Gorzow, wo er alljährlich einen patriotischen Liederwettbewerb organisiert, stieg er zum wichtigsten Politiker der Rechten auf: Kein anderer Politiker der Region erhielt bei der Wahl so viele Stimmen wie er.

Marcinkiewcz sei kein Politiker der zweiten Garde, sondern „am besten“ für die Lösung von Polens Wirtschaftsproblemen vorbereitet, verteidigt Kaczynski die Entscheidung für seinen treuen Gefolgsmann. „Wird Marcinkiewicz Premier für vier Wochen oder vier Jahre?“, fragt indes die „Gazeta Wyborzca“. Denn auch in der PiS ist seine Nominierung umstritten. Manche glauben, sie sei nur ein Schachzug von Kaczynski im Koalitionspoker.

0 Kommentare

Neuester Kommentar