Meinung : Davids letzte Runde

Immer mit Linksblinker und Lichthupe auf der Überholspur, aber bei der ersten Haarnadelkurve in den Misthaufen gerutscht: Porsche-Chef Wiedeking hatte viel Mut, war am Ende aber zu übermütig.

Lorenz Maroldt

An einem gemütlichen Abend blieb Wendelin Wiedeking gerne am längsten, nahm noch ein Bier oder zwei, bis alle anderen sich zur kurzen Nacht verabschiedeten. In der ungemütlichen Zeit jetzt war das kaum anders: Wiedeking blieb auf seinem Posten, solange es ging – und noch ein bisschen darüber hinaus. Jetzt aber ist Sperrstunde, die letzte Runde ausgerufen; er wird sich noch einen Schluck genehmigen, so um die 100 Millionen, und dann gehen. Den Dienstwagen muss er stehen lassen.

Seit Tagen schon strömt aus allen Kanälen, auch aus den politischen in Hannover, die inoffizielle Nachricht: Jetzt sei es soweit, nur um die Abfindung gehe es noch. Die überlegene Gelassenheit, die seit Monaten in den Wolfsburger Führungsfluren zu besichtigen war, verwandelte sich in Genugtuung. Der anmaßende David, der sich einst rühmte, beim Goliath Volkswagen aber so was von zugeschlagen zu haben, hat sich das Genick gebrochen. Das war’s.

Im Nachhinein eignet sich Wiedeking prima als Gockelspoiler, dem jetzt jeder mal einen Kratzer in den Hochglanzlack zieht. Immer mit Linksblinker und Lichthupe auf der Überholspur, aber bei der ersten Haarnadelkurve trotz PSM, wie bei Porsche das Anti-Schleuder-System heißt, in den Misthaufen gerutscht. Und einigen Spott hat sich Wiedeking neben seinen hoch zweistelligen Millionengehältern redlich verdient.

Wiedeking steht jetzt in einer Reihe laut sprechender, gescheiterter Manager, zu denen er sich nie zählte. Anders wollte er sein, weil anders für ihn besser hieß, und deshalb nannte er so auch sein Buch. Darin mokierte er sich noch über Zocker, während er schon am Roulettetisch saß. Da lästerte er über Analysten und Journalisten, die sein VW-Abenteuer nur deshalb für zu gefährlich hielten, weil sie seiner Strategie nicht zu folgen vermögen, und lehnte fürs Cover ganz locker an einem Cayenne, der Porschekarosse auf Volkswagenbasis.

Hochmut spricht aus allen Zeilen, selbst wenn er für sich Demut beansprucht beim Blick in die Augen von Arbeitern, die um ihre Jobs fürchten müssen. Da maßregelt er die Wirtschaftspolitik für staatliche Hilfe – und weiß noch nicht, dass er darum bald selbst bitten wird. „Die Kritik an unserem VW-Engagement lässt sich im Grunde auf einen Punkt reduzieren“, schreibt Wiedeking 2006: „Man unterstellt uns, wir könnten nicht mit Geld umgehen.“ Daran hat sich fürwahr nichts geändert. Nur ist es jetzt auch belegt.

Wiedeking war tatsächlich anders, auch wenn er am Ende wie viele wirkt. Er zeigte oft Mut; zum Beispiel, als Porsche sich den von der Börse geforderten Quartalsberichten verweigerte und deshalb aus dem M-Dax flog. Den konzentrierten Blick auf kurzfristige Buchgewinne hielt er langfristig für schädlich, Börsennotierungen nicht aussagekräftig genug für den Wert einer Marke. Doch hielt er sich schließlich selbst nicht an seine Worte. Aus Mut wurde Übermut. Nur anders ist nicht immer besser. Dabei hat er auch das gewusst, jedenfalls geschrieben, aber dann wohl vergessen: Es gibt kein Dauerabonnement auf den Spitzenplatz in den Imageranglisten.

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