DDR : 16 Millionen Seelen

Die DDR war ein Staat, in dem viel Unrecht geschehen ist - kein totaler Unrechtsstaat. 20 Jahre nach dem deutschen Urknall soll offenbar der letzte Rest von Sehnsucht nach dem Verlorenen getilgt werden.

Lothar Heinke

Petra Kusch-Lück gratuliert im MDR den regionalen Jubilaren und Geburtstagskindern. Früher war sie ein vom Ost-Volk gewählter Fernsehliebling, früher moderierte sie auch den "Kessel Buntes", das war schon was. 20 Jahre später wird sie von der "Super- Illu" nach ihrem Leben in der DDR gefragt: "Ich war zufrieden mit den Dingen, die es gab, und den Möglichkeiten, die wir hatten." Zufrieden? Einfach so? Nicht mal ein bisschen unzufrieden? Soso. So geht das ja nun nicht. Die "Bild" sortiert die telegene Briefkastentante sofort in ihre Rubrik "Verlierer" ein und ätzt: Echt zum Abschalten!

Halt! Ehe wir umschalten oder das Zentralorgan der Besserwisser zerknüllt in die Ecke werfen, wollen wir doch mal fragen, was eigentlich in die Politiker und Medienschreibtischtäter gefahren ist: Statt sich zu freuen, dass vor 20 Jahren ein System zusammenfiel und verborgene Kräfte entfesselt wurden, regen sich manche Haarspalter auf, dass nicht auch der letzte Bewohner der ehemaligen DDR akzeptieren will, dass er sein Dasein in einem "Unrechtsstaat" vergeudet hat. Wer immerzu im Unrecht lebt, kann am Ende Recht und Unrecht nicht mehr so recht unterscheiden.

Wo fängt denn das Unrecht an? Hat Unrecht getan, wer jeden Monat pünktlich seinen Beitrag für die Gewerkschaft, den verlängerten Arm der Staatspartei, gezahlt hat? Oder wer dankbar mit dem Ferienscheck eben dieses Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes an die Ostsee gefahren ist? Ist schon ein Mittäter, wer am 1. Mai in einer Reih' durch die Karl-Marx-Allee gelaufen ist? War meine geballte Faust in Richtung Honecker und Co. da oben schon Widerstand oder vielmehr Ausdruck für das "Der Staat bin ich"? 20 Jahre nach dem deutschen Urknall soll wohl der letzte Rest von Sehnsucht nach dem Verlorenen getilgt werden.

Schlechtem muss man nicht nachtrauern, also: Es war fast alles schlecht. Diejenigen, die das den Brüdern und Schwestern im Osten neuerdings einreden, haben meistens nie in diesem komischen Land mit seinen Widersprüchen und Merkwürdigkeiten, mit stolzen, einfallsreichen, kreativen und zumeist redlichen Menschen gelebt. Sie haben das von jenseits und wie mit einem umgestülpten Fernglas betrachtet, sehr verkleinert. Dabei ist ihnen wohl entgangen, dass es in diesem Land nicht nur die Täter und Opfer, die 150-prozentigen und die Oppositionellen, gab, sondern 16 Millionen verschiedene Seelen, ein buntes Mosaik. Jeder hatte sich da eingerichtet. Die, die Macht hatten, waren nur auf dem Papier die Starken - in Wahrheit hatte die schweigende Mehrheit die Macht, freilich ohne sie anwenden zu dürfen.

Dem Werktätigen, der die DDR aus Ruinen auferstehen ließ und der hier sein Arbeiten und Fröhlichsein, seine liebe Not und seine Freude hatte, sollte niemand ein Stück Leben klein reden. Aber ebenso hat derjenige, der an und in diesem Staat gelitten hat, das Recht und auch die Pflicht, Unrecht beim Namen zu nennen. Es geht um die eigenen Erfahrungen mit einem Staat, in dem vielerlei Unrecht geschehen ist. Deshalb war das noch lange kein totaler Unrechtsstaat, den wir uns 40 Jahre lang gefallen ließen.

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