DDR-Geschichte : Lehren, was war

Jugendliche wissen zu wenig über die DDR – das wird sich nicht so bald ändern. Erst wenn die Generation abtritt, die vor 1989 in Ostdeutschland Verantwortung trug, werden die unbequemen Fragen gestellt.

Gerd Appenzeller

Die Schule taugt nur bedingt als Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Fehlentwicklungen, vor allem kann sie aus Schwarz nicht Weiß machen. Das gelebte Vorbild der Eltern prägt Kinder stärker als jede Theorie, die der Lehrer vermitteln kann – insbesondere dann, wenn beides in erkennbarem Gegensatz zueinander steht. Und: Kein Lehrer wird Schüler von etwas überzeugen wollen, was sich, für die Kinder erkennbar, nicht mit dem gelebten Vorbild des Pädagogen in Übereinstimmung bringen lässt.

Wer das beherzigt, den kann das Ergebnis der FU-Studie über das (Nicht)Wissen Jugendlicher zur Geschichte der DDR nicht überraschen. Dass bayerische Hauptschüler über die DDR-Realität besser informiert sind als brandenburgische Gymnasiasten, hängt natürlich damit zusammen, dass in bayerischen Schulen der gesamtdeutsche Zusammenhalt im Unterricht lange vor 1989 eine große Rolle gespielt hat. Während in anderen Bundesländern wie etwa NRW oder Hessen die westeuropäische Ausrichtung der Bundesrepublik im Geschichtsunterricht dominierendes Unterrichtsthema war, erinnerten bayerische Lehrer an die fortdauernde nationale Einheit.

Noch gravierender bei den nun deutlich gewordenen Brandenburger Defiziten sind die ge- und erlebten Vorbilder. Wenn 40 Prozent der Eltern arbeitslos sind und Väter und Mütter davon sprechen, dass „das“ früher anders war, tut sich ein Lehrer schwer, über die Vorteile von Demokratie und Marktwirtschaft zu sprechen. Das gilt vor allem dann, wenn diese Lehrer bereits zu DDR-Zeiten als Pädagogen tätig waren. Wie sollen sie denn im Nachhinein rechtfertigen, was sie vor 1989 taten, wenn sie diese Zeit jetzt, historisch richtig, als Diktatur einordnen? Sich selbst als Handlanger eines Unrechtssystems? Die Situation erinnert fatal an das Westdeutschland der späten fünfziger Jahre, als die NS-Zeit im Unterricht aus heutiger Sicht merkwürdig randständig war. Die damaligen Lehrer waren knapp zehn Jahre zuvor noch Soldaten gewesen. Wer kann ihnen verübeln, dass sie über das „Dritte Reich“ weniger gerne sprachen als über russische Vergewaltigungen und den bösen Kommunismus?

Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Bodo von Borries hat jetzt daran erinnert, dass jede Vermutung unglaublich naiv sei, der Geschichtsunterricht könne elementare Spiegelungen der Erwachsenenwelt bei den Jugendlichen mit ein paar Lektionen auslöschen. Gregor Gysi hat es auf seine direkte Art im Tagesspiegel am Sonntag gesagt: Was nützt die ganze Freiheit und alle Demokratie, wenn die sozialen Rahmenbedingungen nicht stimmen, um diese Freiheitsrechte wahrzunehmen?

Nein, wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass es mit der Aufarbeitung der DDR und ihres Unrechts so gehen wird wie mit der mentalen Bewältigung der NS- Zeit: Erst wenn die Generation abtritt, die vor 1989 in Ostdeutschland Verantwortung wo auch immer trug, werden die unbequemen Fragen gestellt – und beantwortet werden. Bis dahin sollten wir keine Wunder erwarten.

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