DDR-Geschichte : Rote Socken wärmen nicht

Die CDU will im Wahljahr die DDR aufarbeiten. Ein lobenswerter Ansatz – doch das Unternehmen könnte nach hinten losgehen.

Antje Sirleschtov

Wie viele Gewehre braucht man, um 18 Millionen Menschen 40 Jahre lang hinter einer Mauer einzusperren? Dies ist eine der entscheidenden Fragen, die überall dort beantwortet werden muss, wo es Diktaturen gab. Es ist die Frage nach gesellschaftlichen Strukturen, die Unterdrückung und Entmenschlichung möglich machen. Es ist die Frage nach Opportunitäten und der Verantwortung jedes Einzelnen. Die Suche nach Erklärungen ist für die Gesellschaft immer ein Prozess, der ebenso lehrreich wie schmerzhaft verläuft. Auf dem Weg dahin ist keine saubere Trennung mehr durchzuhalten in Opfer und Täter.

Ausgerechnet das kommende Wahljahr hat sich die CDU ausgesucht, die Frage nach der Verantwortung für das Bestehen der DDR zu beantworten. Man könnte sagen: Das ist ein lobenswerter Vorsatz. Schließlich gibt es manches aufzuklären, was da so an Wirrheiten über die DDR mittlerweile zur Gewissheit geadelt wurde. Und könnte es einen geeigneteren Anlass zur Wahrheitsfindung geben, als den 20. Jahrestag des Mauerfalls, der auch der 60. der Republikgründung ist?

Hinzu kommt die politische Entwicklung. Hat man in den ersten Jahren nach dem Mauerfall die SED-Nachfolgepartei PDS zum Häuflein uneinsichtiger Honecker-Fans verniedlicht und auf ihr Verwelken in den blühenden Landschaften gehofft, so sieht man sich heute einer gesamtdeutschen politischen und gesellschaftlichen Kraft gegenüber, die bald in Ost und West wie selbstverständlich in Landesregierungen sitzen und wohl spätestens 2013 auch im Bund eine Chance zur Regierungsbeteiligung bekommen wird.

Den Wahlkampf allerdings könnte das DDR-Thema der CDU auch gründlich verhageln. Denn bisher sog die Linke vergleichsweise zahm politischen Honig daraus, dass sie zur Heimat für viele im Osten wurde, die ihr Lebenswerk nach dem Fall der Mauer beschmutzt sahen. Von einem Mann des Schlages Oskar Lafontaines darf man getrost erwarten, dass er in der Schuldfrage im Wahlkampfgetümmel saftiger zurückkeilen wird. Seine seit Wochen anhaltenden Erinnerungen an die FDJ-Vergangenheit von Angela Merkel und ihr vermeintliches Studium in Moskau sind nur eine erste Anzahlung auf das, was da kommen kann.

Was wird wohl geschehen, wenn sich die deutsche Öffentlichkeit als nächstes mit der Verantwortung der Blockparteien in der Volkskammer befasst und der Frage nachgeht, ob man die Spitzen von CDU, LDPD und Kirchen bedrohen musste, damit sie neben der SED-Gilde am 1. Mai dem vorbeiziehenden Volk zujubelten?

Ach, und ganz und gar verschüttet scheinen bisher auch die Erinnerungen an bayerische Milliardenspritzen, die den siechen Tod des DDR-Regimes in die Länge zogen, an CDU-Politiker, die den Genossen Parteisekretär aus Ost-Berlin zu Staatsgesprächen einluden und an gemeinsame Strategiepapiere von SED und SPD, die Mitte der achtziger Jahre manchem Unzufriedenen in der DDR den Mut zum Widerstand nahmen.

In einem solchen Rote-Socken-Kampf könnte auch so mancher CDU-Wahlkämpfer schnell kalte Füße bekommen.

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