DDR-Studie : Im Tal der Ahnungslosen

Die DDR, ein erstrebenswerter Sozialstaat? Schüler haben heute mehrheitlich offenbar ein verklärtes Bild der Vergangenheit.

Matthias Schlegel

Brandenburger Schüler verklären die DDR als durchaus erstrebenswerten Sozialstaat. Und: Die meisten sagen von sich, sie wüssten wenig oder nichts über die DDR. Auf den ersten Blick schließen sich diese Befunde einer Studie der Freien Universität aus. Wie kann man über etwas urteilen, das man nicht kennt? Auf den zweiten Blick ist es ganz anders: Die Umfrageergebnisse bedingen einander geradezu. Weil die Schüler zu wenig über diesen verflossenen Staat wissen, bleibt ihnen vieles von dem, was eben auch zur Wahrheit gehört, verborgen. Das ist nicht ihre Schuld – in das Alter, in dem sie unbequeme Fragen stellen, kommen diese Jungen und Mädchen vielleicht erst noch. Vorerst berufen sie sich auf das, ziehen ihre Schlüsse aus dem, was sie von ihren Eltern und Lehrern hören – oder eben nicht hören.

Die hatten damals alle Arbeit, die hatten sich eingerichtet und lebten ihr Leben mit Höhen und Tiefen, aber in aller Regel ohne Existenzängste. Die meisten haben den lästigen Teil jenes durchstaatlichten Alltags, der ihnen kaum mehr als Nichtaufmüpfigkeit abverlangte, beim Eintritt in ihre private Sphäre abgestreift. Warum sollen sie heute ausgerechnet von jenem berichten, das sie schon damals genervt ausblendeten, sagen sich die einen. Warum sollen sie nachträglich ihr Leben entwerten, indem sie ihre damalige Gleichgültigkeit gegenüber Willkür, Repression und Misswirtschaft zu erklären versuchen, denken andere.

Jene, die sich wirklich am politischen System rieben, die observiert, verfolgt, zersetzt oder gebrochen wurden, haben gegen jene schweigende Übermacht aus Scham und Verdrängung kaum eine Chance. Wenn die Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen Marianne Birthler ein zunehmendes Interesse an der DDR-Vergangenheit registriert, ist das nicht unbedingt ein Widerspruch zum Befund der FU-Forscher. Selbst wenn die Aktenchefin damit auch die Existenzberechtigung der eigenen Behörde unterstreichen will, bleibt unter dem Strich immer noch eine Erkenntnis: Es steigt die Zahl jener, die unbefangener mit der Vergangenheit umzugehen vermögen. Und: Auch im Westen wächst die Einsicht, dass es dabei um gesamtdeutsche Geschichte geht. Warten wir gelassen auf die Ergebnisse der Studie in zehn Jahren.

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