Meinung : Debatte über die "68er": Die Mär vom ewigen Bösen

Stefan Reinecke

Wissen Sie noch, wer bei Ihnen vor 28 Jahren zu Besuch war? Nein? Wenn Sie damals ein Frankfurter Sponti gewesen und heute Bundesaußenminister wären, dann hätten Sie ein Problem. Das findet zumindest der "Focus", der im Archiv entdeckt hat, dass das Ex-RAF-Mitglied Margit Schiller 1973 ein paar Tage in Fischers WG gewohnt haben will. Schiller wurde zuvor, laut "Focus", verurteilt, weil sie 1971 einen Polizisten umbringen wollte. Das stimmt zwar nicht - Schiller wurde wegen unerlaubten Waffenbesitzes und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verurteilt - aber egal. Terroristen, Spontis: alles eins.

Die Debatte über die "68er" nimmt skurille Züge an. Das steigert den Unterhaltungswert und ruiniert den Versuch, eine einigermaßen seriöse zeitgeschichtliche Selbstverständnis-Diskussion zu führen.

Wie überhitzt die Debatte ist, zeigt auch die Reaktion auf Wolfgang Thierse. Der SPD-Politiker hat gesagt, man sollte nicht ausschließen, dass geläuterte Skinheads irgendwann mal Minister werden könnten und eine "typisch deutsche Vergrundsätzlichung" der Vergangenheitsdebatte moniert. Die Antworten von Andreas Nachama, Michel Friedman und Lea Rosh bestätigen diese Warnung. Thierse mache den Rechtsextremismus salonfähig und sei dabei, Rassisten die Absolution zu erteilen.

Das zeigt, wie schwer es noch immer ist, bei "heißen" Themen der deutschen Vergangenheit einen kühlen Kopf zu bewahren. Thierse hat sich, so intensiv wie kaum ein zweiter deutscher Parlamentarier, mit dem Phänomen Rechtsextremismus befasst. Er hat sich im Osten umgeschaut und versucht, Strategien zu entwickeln, die mehr sind als wohlfeile Bekundungen moralischer Empörung, mehr als das seit ein paar Monaten beliebte "Zeichen setzen gegen Rechts". Kurz gesagt: Er ist nicht nur gegen Rechtsextremismus, er weiß auch genau warum.

Schon deshalb ist die Verdachtsrhetorik, Thierse wolle Rassismus klein reden, ziemlich verwunderlich. Thierse hat auch keineswegs den derzeit üblichen Kurzschluss vorgetragen, dass Gewalt halt Gewalt sei, linksextrem gleich rassistisch, und die Gesetzestreue die einzige unhintergehbare Norm ist. Denn dieser ziemlich dürftige Legalismus ist blind dafür, dass Demokratien nicht nur durch Beschlussvorlagen erkämpft wurden.

Thierse hat hingegen etwas sehr Einfaches und Selbstverständliches gesagt: Zu den Stärken der Demokratie zählt es, ihre Feinde, egal wie widerwärtig sie uns erscheinen, nicht für immer auszugrenzen. Denn die innerstaatliche Feinderklärung, ohne zeitliche Grenze und ohne Blick für biographischen Wandel, also die Rache bis ins zweite Glied, kennzeichnet autoritäre Regime. Zivile Gesellschaften hingegen brauchen das "ewige Böse" nicht, um sich selbst zu verstehen.

Thierse hat im Prinzip Recht, praktisch wohl weniger. Wenn man sich den intellektuellen Horizont der deutschen Rechtsextremen anschaut, ist eine Fischer-Karriere aus diesem Lager, unabhängig von allen möglichen Läuterungen, mehr als unwahrscheinlich.

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