Meinung : Debatte über US-Gegenschlag: Diesmal bitte ohne Hitler

Bernd Ulrich

Noch wissen wir nicht, ob das ein Krieg wird. Noch kann man hoffen, dass es zwar militärische Schläge geben wird, dass sie sich aber nicht zu einem ortlos-allgegenwärtigen Krieg auswachsen. Doch selbst wenn man das, was geschehen ist und das, was in den kommenden Wochen geschehen wird, nicht Krieg nennen will, so bleibt es die gefährlichste Situation seit Jahrzehnten, auch die unübersichtlichste, die geistig und moralisch anstrengendste.

Für die nun entbrannte Debatte in Deutschland heißt das, sie muss erwachsener sein als alle bisherigen über Krieg, Frieden und Terror. Erwachsener kann hier jedoch nicht heißen: militärischer oder einsatzbereiter. Erwachsener bedeutet heute etwas ganz anderes. Die Diskussion muss sich ausschließlich um diese Situation drehen und endlich mal nicht um uns, uns Deutsche, unsere Vergangenheiten, unsere Obsessionen oder Identitäten. Früher wurden wir immer ganz ernst, indem wir alles, was geschah, in irgendeine Relation zum Nationalsozialismus gebracht haben. Diesmal ist die Lage viel zu ernst für derlei Projektionen.

Beim Golf-Krieg noch hat Hans-Magnus Enzensberger den Stimmungsumschwung in der veröffentlichten Meinung herbeigeführt, indem er in einem fulminanten und demagogischen Essay im "Spiegel" Saddam Hussein mit Adolf Hitler gleichgesetzt hat. Was für ein sachlicher Unsinn, was für ein wirkungsvolles Totschlagargument für die innerdeutsche Debatte, damals vor zehn Jahren.

Als der Kosovo-Krieg in die Legitimationskrise geriet, hat Joschka Fischer das Wort Auschwitz ganz nah an den Krieg gegen Milosevic gerückt und Rudolf Scharping sprach in einer überhitzen Pressekonferenz von einem Völkermord auf dem Balkan. Beides war ebenso falsch wie überflüssig, denn es gab genug gute Argumente für den Nato-Einsatz, auch ganz ohne Holocaust.

Jene beiden Kriege waren gegenüber diesem Noch-nicht-Krieg, diesem So-etwas-wie-Krieg, der nun droht, vergleichsweise leicht zu bewältigen, denn es waren gewissermaßen ordentliche Kriege mit sichtbaren, staatlich verfassten Gegnern. Das, was jetzt kommt, eignet sich für deutsche Vergangenheitsprojektionen dagegen überhaupt nicht mehr. Bin Laden kann man beim besten Willen nicht zu einem Hitler umdeuten, die Taliban nicht zur SS und die grässlichen Terroranschläge des 11. September nicht zu einem Völkermord.

Es ist vorbei. Die deutsche Vergangenheit wird uns bei der Befeuerung wie bei der Bekämpfung der nun kommenden Aktionen nichts mehr helfen. Auch deshalb ist dies der erste Krieg des 21. Jahrhunderts und der erste Krieg, den man in Anführungszeichen setzen muss.

Man kann hoffen, dass auch sonstige deutsche Vergangenheiten, sozusagen die Sekundärvergangenheiten, in den kommenden Wochen nicht die Diskussionen verkleben. Alle, die jetzt mitdebattieren, können und dürfen darum nicht mehr mit dem Erfolg haben, was sie am besten können: mit gegenseitiger Ideologiekritik. Diese Debatte muss entschieden werden anhand der besten Argumente in der Sache, nicht anhand der besten und am elegantesten vorgetragenen Mutmaßungen darüber, was hinter dem Argument des je anderen steckt.

Es bringt beispielsweise für den besten Weg im Kampf gegen den internationalen Terrorismus relativ wenig, wenn Ex-Linke Noch-Linke, die sich skeptisch gegenüber bestimmten Militärschlägen äußern, des Anti-Amerikanismus bezichtigen. Vielmehr zeigt das nur, dass sie über Anti-Amerikanismus im letzten Jahrhundert viel gelernt haben und jetzt weit mehr darüber wissen, als zum Beispiel darüber, mit welchen militärischen Aktionen die Taliban bekämpft werden könnten, ohne dass die ganze Region destabilisiert wird. Es hilft auch wenig, wenn Gegenschlagsskeptiker ihre Opponenten der Amerika-Hörigkeit bezichtigen. Es zeigt nur, dass sie über die Dialektik des Renegatentums mehr wissen, als darüber, wie man ohne harte Militärschläge die Hintermänner des Terrorismus beeindrucken kann.

Mit anderen Worten: Diejenigen, die jetzt mit einem starken ideologiekritischen Impetus auftreten, sind offenkundig äußerst verunsichert und klammern sich an Gewissheiten aus dem 20. Jahrhundert. Halt werden sie dort nicht finden. Denn erwachsen wird man auch dadurch, dass man seine Angst besiegt, dadurch, dass man geistig durch sie hindurchgeht, den intellektuell steilsten Pfad erklettert, wenn es denn unbedingt sein muss.

Es muss sein. Bald wird die Bundesregierung aus ihrer jetzt noch vergleichsweise bequemen Position vertrieben. Noch kann sie sich abstrakt absolut solidarisch erklären mit Taten der Amerikaner, die noch nicht getan sind. Sobald die ersten Maßnahmen ergriffen werden, muss sie entscheiden, ob und inwieweit Solidarität und Vernunft in Einklang zu bringen sind. Und dann komme uns bitte niemand mit dem Holocaust. Niemand interessiert jetzt, was gegen Hitler das Richtige gewesen wäre, sondern nur, was heute das Richtige ist. Und das Falsche.

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