Debatte um Familienpolitik : An deutscher Mutterbrust

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Es knirscht bekanntermaßen zwischen Frankreich und Deutschland. Die Kanzlerin und der neue Präsident François Hollande fremdeln noch. Aber auch die deutsche Familienpolitik steht dieser Tage unter Beschuss von Westen. In einem scharfen Kommentar für den US-Sender CNN hat sich die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter – auch sie steht den Sozialisten nahe, ihr Mann war unter Präsident Mitterrand Justizminister – in die amerikanische Debatte um „attachment parenting“ eingeschaltet. Das „Time Magazine“ hatte kürzlich einen neuen Trend behauptet: Amerikanerinnen verzichteten immer häufiger auf den Beruf, um die Kinder jahrelang zu stillen und ihnen rund um die Uhr nahe zu sein. Badinter ist seit je gegen derart überschießende Mütterlichkeit; ihr jüngstes Buch „Der Konflikt“ argumentiert gegen Übermütter und den sozialen Zwang zum Stillen.

Um zu zeigen, warum man’s so nicht machen sollte, bedient sich Badinter diesmal allerdings weder aus US-Quellen noch aus eigener französischer Erfahrung. Sie knöpft sich Deutschland vor, „ein besonders lehrreiches Beispiel“, wie sie schreibt. Dort werde zwar ordentlich Geld an Eltern gezahlt, aber „es ist nicht gelungen, die Geburtenrate nach oben zu treiben oder den Trend zur Kinderlosigkeit umzudrehen“, schreibt Badinter. Denn mit all dem schönen Geld würden jenseits des Rheins „Mütter ermutigt, aus dem Arbeitsleben auszuscheiden“. Das aber wollten auch die deutschen Frauen offensichtlich so wenig wie die Schwestern anderswo in Europa. Schließlich bleibe ein besonders großer Teil von ihnen – ein Fünftel bis ein Viertel – trotzdem kinderlos. In einer Zeit, da Kinderkriegen nicht mehr unausweichlich sei, zeige das Nein zur Mutterschaft deutlich, dass sich viele Frauen durch Kinder „in anderen Teilen ihrer Identität bedroht sehen: ihrer Freiheit, ihrer Energie, ihrem Einkommen und der Erfüllung im Beruf“. Stimmt, findet auch Katha Pollitt, selbst eine Veteranin der Frauenbewegung in den USA. Obsessives Muttersein, schrieb Pollitt am Freitag in ihrer Kolumne in „The Nation“, sei Gift für die Gleichheit: „Solange Frauen sich zuallererst aufs Haus konzentrieren, werden Männer weiterhin die Welt regieren und die Spielregeln aufstellen.“ Ob es Kindern guttue, als Könige aufzuwachsen mit Müttern, die ihnen stets zu Diensten sind, sei eh fraglich. Erziehungsmoden kämen und gingen, meint Pollitt, „aber immer geht es dabei darum, das Verhalten von Frauen zu bestimmen“.

Bleibt also zu hoffen, dass die Anhänger gerade dieser Mode nicht, durch Badinter aufmerksam geworden, Deutschland als gelobtes Land entdecken und sich das Ehegattensplitting abgucken. Wenn es ihnen dagegen um mehr Kinder gehen sollte, könnte man sie nicht nur ins kinderreiche Skandinavien schicken, sondern auch nach Italien, neben Deutschland Jahr für Jahr am Ende der weltweiten Geburtenziffern. Während im armen Süden die Zahl ins Bodenlose gefallen ist, haben die Norditalienerinnen Jobs und dabei viel öfter Kinder. Badinter müsste ihre These bestätigt sehen: „Eine tiefgreifende feministische Reform, am Arbeitsplatz und in der Familienpolitik, könnte genau das sein, was nötig ist, um den freien Fall der Geburtenrate zu stoppen.“

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