Debatte um Geheimdienste : Spione wird es immer geben

Die moralische Empörung über die Bespitzelung des Kanzlerinnenhandys ist nicht klug, meint unser Kolumnist Harald Martenstein. Denn jedes Land hat Spione. Freundschaft hin oder her, Geheimnisse sind eben interessant.

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Blase geplatzt: Der Verdacht besteht, dass Merkels Handy von der US-Botschaft am Pariser Platz aus abgehört wurde.
Blase geplatzt: Der Verdacht besteht, dass Merkels Handy von der US-Botschaft am Pariser Platz aus abgehört wurde.Foto: reuters

Ich verstehe wieder mal die ganze Aufregung nicht. Erstens, Spionage ist, völkerrechtlich gesehen, legal. Jeder Staat hat das Recht, sich in anderen Staaten geheime Informationen zu beschaffen. Gleichzeitig haben Staaten allerdings auch das Recht, fremde Spione zu bestrafen, falls die unvorsichtig genug sind, sich erwischen zu lassen.

Zweitens: Freundschaft. Schon die Freundschaft zwischen zwei Menschen ist oft ein sehr zerbrechliches Gebilde, vor allem dann, wenn sie auf irgendeinem Gebiet plötzlich Rivalen werden. Immerhin – Menschen können Freunde sein. Zwischen Staaten gibt es gemeinsame Interessen, es gibt kulturelle oder historische Verbindungen, aber keine echten Freundschaften. Die sogenannte deutsch-amerikanische Freundschaft beruht auf gemeinsamen Interessen im Kalten Krieg, Interessen, die zum Teil fortbestehen, sie hat nichts mit unseren schönen blauen Augen zu tun. Freundschaft? Wenn Angela Merkel morgen den Franzosen zehn Milliarden überweisen lässt, mit der zutreffenden Begründung, der Freund Frankreich habe ein Etatproblem, wird man sie zu Recht wegen Geisteskrankheit absetzen.

Natürlich spionieren sich auch befreundete Länder gegenseitig aus. Da gibt es zahlreiche Beispiele. Auch die Geheimnisse von Bündnispartnern sind interessant. Und sie haben welche. Glaubt irgendjemand daran, dass Angela Merkel immer die ganze Wahrheit sagt, zum Beispiel zu Barack Obama? Auch dann, wenn diese Wahrheit für Deutschland unvorteilhaft ist? Da wäre sie eine schlechte Kanzlerin. Ohne ein bisschen Trickserei, hin und wieder, kann man leider weder Kanzler werden noch Kanzler sein.

Die Enthüllungen des Edward Snowden - eine Chronologie
Aktion "Ein Bett für Snowden": Aktivisten werben am 05.06. vor dem Kölner Dom für Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in Deutschland.Weitere Bilder anzeigen
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10.06.2014 09:55Aktion "Ein Bett für Snowden": Aktivisten werben am 05.06. vor dem Kölner Dom für Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in...

Wir regen uns über das auf, was wir zufällig wissen. Die USA haben Merkels Handy abgehört. Wir wissen das, weil zufällig ein US-Spion ausgepackt hat, Edward Snowden. Hier ein paar offene Fragen: Werden wir auch von anderen sogenannten Freunden ausspioniert? Wahrscheinlich ja. Spionieren auch die Deutschen, soweit ihre Möglichkeiten das hergeben? Wahrscheinlich ja. Würde Merkel Obamas Handy anzapfen lassen, wenn die Chance sich ergäbe? Wahrscheinlich ja. Ist das Abhören deutscher Politiker die Idee von Barack Obama gewesen, hat der famose George W. Bush das seinen Geheimdiensten streng verboten? Wahrscheinlich nein.

Auch in diesem Fall von Politik ist moralische Empörung keine besonders intelligente Reaktion. Wir Deutschen müssen uns halt besser schützen. Wir sind naiv und unvorsichtig gewesen und sollten uns, wenn überhaupt, über uns selber ärgern. Spione wird es immer geben, so, wie es immer Verkehrsrowdies geben wird. Wenn ich über die Straße gehe, ohne auf den Verkehr zu achten, und ich werde überfahren, dann bin ich schon auch ein klein wenig selber schuld.

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