Debatten : Am Anfang ist noch immer das Wort

Wie vor Jahrhunderten ist die gedruckte Schrift der stärkste Auslöser von Debatten. Doch "Bestbeller" wie Thilo Sarrazin haben selten Erhellendes zu bieten.

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Sie würde jetzt neben ihm sitzen, in den Talkshows und auf Podien. Kirsten Heisigs Streitschrift „Das Ende der Geduld“ erschien wenige Wochen vor Thilo Sarrazins aktuellem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“. Hätte die Berliner Richterin nicht vor Erscheinen ihres Buches über kriminelle Jugendliche den Freitod gesucht, dann würden jetzt die Bücher der beiden Seite an Seite vor das Auge der Kamera gehalten.

Erstaunlich an den Debatten der Gegenwart ist, dass sie, wie schon vor Jahrhunderten, vom gedruckten Wort ausgelöst werden. In einer Gesellschaft, in der ununterbrochen gesendet, geguckt, gehört wird, in der es pausenlos elektronisch summt, klingelt und anklopft, scheint das altmodischste aller Medien, das Buch, immer noch die größte Chance zu bergen, beim postmodernen Gerangel um Deutung und Bedeutung erste Plätze zu besetzen.

Epochenlang konnten Titel und Thesen von Streitschriften oder wissenschaftlichen Studien den Charakter einer Signatur behalten. So geschah das mit Hobbes’ staatstheoretischem Werk „Leviathan“, Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“, Marx’ Analyse „Das Kapital“, mit den Betrachtungen von Clausewitz über den Krieg oder jenen von Oswald Spengler zum „Untergang des Abendlandes“. Nach 1945 kulminierten in Deutschland Debatten, etwa als „Die Unfähigkeit zu trauern“ des Forscherpaars Mitscherlich herauskam oder Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“. In einigen Fällen brachte ein Buch die Debatte hervor, in anderen brachte es sie auf den Punkt. Dann, eine Zeitlang, schien „das Buch“ an Wirkmacht einzubüßen. Mit der Popkultur mutierten Stile und Moden zu den stärksten Signalsystemen, bis diese sich im Mainstream ihrer Vermarktung auflösten.

Im Hintergrund überwinterte das Konzept „Buch“, fast mythisch, allemal beharrlich. „Bücher, die Geschichte machten – von der Bibel bis zu Harry Potter “ heißt eine Anthologie, die den roten Faden von der Heiligen Schrift zum ersten globalen Kinderbestseller zieht. Will heute ein Politiker, Publizist oder Medienmensch von sich – oder auch seinen Ideen – reden machen, sei es Tony Blair oder Eva Herman, dann, voilà, veröffentlicht er oder sie: ein Buch. Allerdings weisen solche mit Vorliebe auf Aplomb kalkulierenden Druckerzeugnisse der Gegenwart nie die Substanz von Großtiteln der Aufklärung auf. Ihren Effekt erzielen sie durch ritualisierte Kampagnen, Vorabdruck, Werbung, das Ritual der Buchvorstellung, Fernsehrunden, Signierstunden. Laut bellen, best sellen ist das Rezept für den „Bestbeller“. Unlängst zeigte eine Karikatur unseren akuten Skandalautor Sarrazin, wie Berlins Bürgermeister dem SPD-Genossen zwei Bücher überreicht, „Mein Kampf“ und „Ich bin dann mal weg“. Bekannte Buchtitel suggerieren hier, dass der Beschenkte zwischen dem Demagogischen und dem kleinbürgerlich Esoterischen siedelt – und man sich seinen freiwilligen Weggang wünscht.

So wahr wie das Faktum, dass mit dem Produkt Buch Furore gemacht und Unsinn angezettelt werden kann, ist eine leisere Tatsache: Erhellendes, das uns ans Denken bringt, suche man nicht bei den Bestbellern.

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