Demokratie als Unterrichtsfach : Es ist nie zu früh

Wolfgang Edelstein, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, hat den Nationalsozialismus überlebt. Sein Credo heute: Erziehung muss Demokratie lehren, erfahrbar machen, lebendig. Ein Kommentar

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Alle mal herhören! Wie geht Demokratie?
Alle mal herhören! Wie geht Demokratie?Foto: dpa

Alles andere als abstrakt ist für ihn der Begriff Demokratie. Wolfgang Edelstein war acht, als er von einem Tag auf den anderen vom einen System ins andere kam, aus der deutschen Diktatur der Nationalsozialisten in eine nördliche Demokratie. Mit den Eltern ging er ins Exil, der Vater, der im Untergrundorchester einer jüdischen Selbsthilfeorganisation Cello spielte, hatte eine Stelle am isländischen Konservatorium erhalten. Es war die Lebensrettung für die ganze Familie.

Auf dem deutschen Schulhof hatten sie den Jungen als „Jude“ beschimpft, nazistische Lehrer hatten ihn brutal drangsaliert. In Reykjavik erfuhr er mit jeder Faser, dass alle Kinder anerkannt wurden, ganz gleich, wer jemand war, woher er kam. Das eine war Diktatur, das andere Demokratie: existenzieller Anschauungsunterricht. Aus seiner frühen politischen Erfahrung zieht der 1929 geborene Philologe und Pädagoge Wolfgang Edelstein, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, seine Energie und sein Credo: Erziehung, sagt er, müsse Demokratie lehren, erfahrbar machen, lebendig.

So leicht sich das sagt, so akut ist die Relevanz der Feststellung. Eben wurde der 25. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. In Lichtluftballons symbolisch noch einmal aufgelöst ist die Mauer im Novembernebel verschwunden. Doch das Wissen darüber, was die Mauer war, was Demokratie von autoritären Regimen unterscheidet, wie sie gestaltet und erhalten wird, droht ebenfalls, sich im Nebulösen zu verflüchtigen. Alarmierend sind noch 2014 die Befunde von Umfragen, wonach ein großer Teil jüngerer Zeitgenossen kaum einen Schimmer von Zeitgeschichte und demokratischen Prozessen hat. Beunruhigend auch, wie tausende Jugendliche fasziniert sind von ideologisierter und sexistischer Gewalt, von Dschihad und Fundamentalisten.

An den meisten Schulen, auch in Deutschland, ist es allerdings noch nicht weit her mit der Demokratie

Erziehung zur Demokratie muss in der Schule geschehen, erklärt Wolfgang Edelstein, einen anderen Ort dafür gibt es schlicht nicht. Edelstein war auch einer der Ersten, der den entgleisten Direktor der Odenwaldschule kritisiert hat. Um Demokratie zu erfahren, müssen Kinder und Jugendliche, Schülerinnen und Schüler, Recht von Unrecht unterscheiden können, sie müssen ihre eigenen Rechte im Alltag so erfassen lernen, dass sie belastbar zu ihrem demokratischen Selbstverständnis zählen. Eine normative Grundlage für diese Haltung bietet die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, unterzeichnet von fast allen Staaten der Erde. Die Konvention ist exakt so alt wie der Fall der Mauer: Vor 25 Jahren, am 20. November trat sie in Kraft.

An den meisten Schulen, auch in Deutschland, ist es allerdings noch nicht weit her mit der Demokratie. Wolfgang Edelstein gehörte daher 2006 zu den Initiatoren des Projekts „Demokratie leben und lernen“ der Bund-Länder-Kommission. Schulen sollen demokratische Lernziele anstreben, die in gutem Soziologendeutsch Partizipation und Deliberation heißen, Transparenz, Effizienz, Legitimität. Gefüllt mit Praxis bedeuten die Worte eine Menge, etwa, dass es kleine Klassenparlamente gibt, Klassenräte genannt, dass jeder und jede eine Stimme hat, dass man politisches Wissen braucht, seine eigene Meinung vertreten und verantworten soll und die der anderen anhören. Ein prima Projekt. Gescheitert ist es am Kooperationsverbot für Bund und Länder in Bildungsfragen, das immer widersinniger wirkt, je drastischer sich bundesweite Defizite im Bildungssystem bemerkbar machen, je deutlicher das explosive Potenzial des Nichtwissens wird.

Edelstein, der dieses Jahr 85 Jahre alt wurde, macht keine Pause

Edelstein und seine Kollegen zimmerten sich deshalb im skandinavischen Geist einen eigenen Dampfer der Demokratie. Sie gründeten die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe), die in sämtlichen Bundesländern, in Städten und Gemeinden Kurs auf Bildungseinrichtungen nimmt. Gemeinsam mit Partnern wie dem „American Jewish Committee“ (AJC) verschiffen die Bildungsaktivisten ihre praxistauglichen Konzepte, die auch der Prävention von Gewalt und Missbrauch dienen, zu Schulleitern, Lehrern, Erziehern und Schülern selber.

An der Freien Universität Berlin haben sie einen Master-Studiengang für Demokratiepädagogik ins Leben gerufen, 2015 lobt die DeGeDe erstmals einen Preis für demokratische Schulentwicklung aus. Edelstein, der dieses Jahr 85 Jahre alt wurde, macht keine Pause. Ehren wird den Jubilar Islands Botschaft in Berlin Ende November – mit einem Symposium: „Die Verantwortung der Bildung für die Demokratie“. Abstrakt? Alles andere als das.

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