Meinung : Demokratie der Vielfalt

„Diktatur des Rationalismus“

vom 1. August

Schon bei der Überschrift bekomme ich Gänsepelle! Rationalismus löckt zwar wider den Glauben, aber nicht gegen den Zweifel und ist von daher alles andere als diktatorisch. Würde auch nur der kleinste Beweis für die Existenz eines göttlichen Wesens erbracht, wäre ich als Rationalist der Erste, der „zu Kreuze kriechen“ würde.

Dass die Welt der Rationalisten einfach und eintönig sein soll, ist doch wohl ein schlechter Scherz? Jeder „vernünftige“ Rationalist wird zahllose Beispiele für die Wunder dieser Welt geben können. Ich muss mich nur umschauen und jeden Tag aufs Neue die Raffinesse und Vielfalt der Natur bewundern. Einen Gott benötige ich dazu nicht. Im Gegenteil. Gerade die monotheistischen Gottesbilder der Weltreligionen verhindern, dass viele Gläubige über die Wunder der Evolution staunen und stattdessen – ganz eintönig – „Gottes Werk“ preisen. Einem Gott, in dessen Sinne sie dann gerne mal Andersdenkende, Andersfühlende, Anderslebende diskriminieren, mit Worten und Steinen bewerfen (siehe Mali), foltern, töten. Welche Ironie, dass just Erzbischof Ludwig Schick ein Gesetz fordert, das die Verletzung religiöser Gefühle unter Strafe stellt!

Trotzdem ich Rationalist bin und die Gottesvorstellung vor allem der monotheistischen Religionen nicht teile, würde ich mich jederzeit dafür einsetzen, dass sie ihren Glauben leben können – vorausgesetzt, sie pfuschen anderen, insbesondere Kindern, nicht an Körper und Geist herum. Genau aus diesem Grund lehne ich auch die rituelle Beschneidung von Kleinkindern ab. Niemand ist von Geburt an religiös, geschweige denn gehört er/sie einer Glaubensrichtung an (auch wenn das die entsprechenden Religionen vehement bestreiten). Leider wird man mit dieser Denkweise schnell mit antidemokratischen und faschistischen Spinnern in einen Topf geworfen. Verständlich anhand der Geschichte, bequem, um jeden Denkansatz im Keim zu ersticken.

Ich empfehle mich mit ein paar Sätzen aus einer Rede Jiddu Krishnamurtis, dem einfachsten und deshalb gleichzeitig kompliziertesten unter den Philosophen: „Ein Glaube ist eine rein individuelle Angelegenheit, und Sie können und dürfen ihn nicht organisieren. Wenn Sie es tun, dann stirbt er, erstarrt er; er wird zur Konfession, zu einer Sekte, einer Religion, die anderen aufgenötigt wird ... Die Wahrheit wird geschmälert und zum Spielzeug für die Schwachen, für diejenigen, die nur einen Augenblick unzufrieden sind“.

Stefan Pickardt, Berlin-Moabit

Wo haben wir eine Diktatur des Rationalismus? Ich sehe sie nirgends auf der Welt; aber Diktaturen des Glaubens finden wir überall! Was im Namen des Glaubens alles verbrochen wurde, zeigt die Geschichte: Ich möchte hier nur an die Kreuzzüge, Inquisition mit Folter und öffentliches Hinrichten durch Verbrennen in unserer so christlichen Welt erinnern. Wir brauchen aber gar nicht so weit zurückzugehen, erst am 31.07.2012 hat der Tagesspiegel gemeldet, dass in Mali ein unverheiratetes Paar mit zwei Kindern von Islamisten vor den Augen von 200 Menschen gesteinigt wurde. Und alles geschah im Namen des Glaubens!

Natürlich gibt es auch unter Rationalisten Fanatiker und Spinner. Aber die meisten von ihnen bewundern genauso wie die Gläubigen die „Schöpfung“ und sind an ihrer Erhaltung interessiert! In der Bibel steht nicht „Erhalte die Natur“, sondern „Mache sie dir untertan“.

Ich kann nur davor warnen, den Religionsgemeinschaften auf gesetzlichem Wege wieder noch mehr Rechte einzuräumen, insbesondere solche, die einem höheren Rechtsgut, nämlich der Unversehrtheit von Leben und Gesundheit, entgegenstehen! Das wäre der Anfang zu einem Rückschritt wieder hin zur Diktatur des Glaubens. Weitergehende Forderungen stehen ja schon im Raum, oder wie ist die Forderung des Bamberger Erzbischofs zu verstehen, dass Gotteslästerung künftig unter Strafe gestellt werden sollte?

Gerd Müller, Berlin

Nachdem wir vor drei Jahren anlässlich der Pro-Reli-Kampagne schon lernen durften, dass wir Werte-los sind – an einer Kirche in der Nachbarschaft prangte ein großes Plakat mit der Aufschrift „Keine Werte ohne Gott“ – wissen wir nun auch, dass wir in einer kleinen, eintönigen Welt leben und zudem noch skrupellos, diktatorisch und ausgrenzend sind. Danke. Eine Anmerkung noch: Denken Sie doch bitte gelegentlich darüber nach, ob „kollektive Verschiedenheit“ und daraus abgeleitete Rechte fundamentale Menschenrechtsverletzungen rechtfertigen und ob das Recht auf Vielfalt ein höheres Gut ist als das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Silke und Dirk Baude,

Berlin-Lichterfelde

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