Demokratie-Orgie : Debattieren über alles

Wassertisch, Ku'damm-Bühnen, Tempelhof: Die Berliner diskutieren, debattieren, stellen sich den Fragen bis zum Abwinken. Damit sind sie in Deutschland nicht allein - in der Welt eher schon. Beobachtungen einer Französin.

Pascale Hugues

Hilfe! Wenn man sich heute durch Berlin bewegt, sollte man sich mit einem Kuli bewaffnen und ein schnelles Handgelenk trainieren. Überall bekommt man ein Blatt Papier unter die Nase gehalten, dazu die eindringliche Aufforderung: Unterschreiben Sie! Beweisen Sie, dass Sie eine mündige Bürgerin sind! Dass Sie sich nicht von einer autoritären Regierung an der Nase herumführen lassen! Zetteln Sie eine Minirevolution an, in Ihrer Straße, Ihrem Viertel, Ihrer Stadt! Setzen Sie Ihren Namen unter diese Petition! Wehren Sie sich, verdammt noch mal!

Stuttgart 21 hat diese Stadt in einen Rausch der Mitsprachedemokratie versetzt. In der Reinigung lehnt man sich gegen die Schließung der Ku’damm-Bühnen auf. Der Bäcker sucht Mitstreiter gegen den neuen Klassenfeind im Kiez: Ein Bauunternehmer will auf dem armseligen kleinen Platz am Ende der Straße vier Bäume fällen lassen, um ein neues Gebäude mit einer Tiefgarage zu versehen. Beim Arzt werden mir zusätzlich zu meinem Rezept auch noch die Petitionen einer Volksinitiative „Frische Luft für Berlin“, für eine Verbesserung des Berliner Nichtraucherschutzgesetzes und gegen die geplante elektronische Gesundheitskarte überreicht.

Ach, diese herrliche Mischung aus dröger Amtssprache und blumigem Appell zum Ungehorsam! Und diese Drohung, die sich wie ein Bleiring um den Kopf legt. Jeden Moment kann die Katastrophe über einen hereinbrechen: „Wollen Sie, dass in Zukunft Ihre Krankheitsdaten, zum Beispiel Inkontinenz, Aids, Diabetes, Potenzprobleme oder Nervenzusammenbruch, nicht mehr unter die Schweigepflicht Ihres Arztes fallen, sondern in zentralen Computern mit Internet-Anbindung gespeichert werden?“, fragt die Petition. Vor Ihren entsetzten Augen entsteht eine Albtraumszene voller Demütigung und Scham. Man zieht den Kopf zwischen die Schultern, man macht sich ganz klein, so unsichtbar wie möglich, man schleicht auf Zehenspitzen aus der Praxis. Bloß ein durchschnittlicher und unbedeutender Bürger sein. Wie froh, ach wie froh ist man, nur ein Nobody in einer anonymen Riesenmenge zu sein.

Am Sonntag gibt es ein Volksbegehren zur Offenlegung der Teilprivatisierungsverträge bei den Wasserbetrieben. Aus unseren Wasserhähnen muss wieder kommunales Wasser fließen! Die Berliner haben sich schon zur Schließung des Flughafens Tempelhof und zum Religionsunterricht in den Schulen geäußert. Wie weit geht diese Einmischung eines jeden in alles?

So kenne ich die Deutschen: Sie diskutieren, debattieren, stellen sich den Fragen bis zum Abwinken. Genießerisch kauen sie die Probleme durch, seien diese nun real oder vielleicht nur geschaffen, um die leidenschaftliche Auseinandersetzung anzuheizen. In diesem Land kann ein Elternabend ohne Weiteres in ein Duell der Rechthaberei ausarten. Die Vorstandssitzung eines Vereins kann sich bis spät in die Nacht hinziehen. Die Zusammenkunft nähert sich dem Ende. Man packt seine Sachen und will aufbrechen – Stopp! Jemand schleudert ein letztes Argument in den schon vollgestopften Raum. Eine Eigentümerversammlung über die Gestaltung eines Vorgartens kann in einen tiefgründigen philosophischen Disput umschlagen.

Muss die – per definitionem immer nur gute – Natur sich selbst überlassen werden, in ihrer ursprünglichen Wildheit? Oder muss sie, weil sie im Grunde böse ist, gezähmt, in ein schmuckes Korsett gezwängt werden? Nach drei Stunden hitziger Diskussion hat man den ursprünglichen Anlass fast vergessen, dass es nämlich darum ging, ob die drei Quadratmeter vor dem Haus mit ein paar Rhododendren bepflanzt werden sollen.

In keinem Land der Welt werden so unermüdlich Leserbriefe geschrieben. Immer wieder meldet sich einer zu Wort. Immer wieder muss einer seine ganz persönliche Meinung umfassend vortragen. Angesichts dieser Demokratie-Orgie empfinde ich gelegentlich eine zugegebenermaßen etwas schuldhafte, aber befreiende Nostalgie nach Entscheidungen, die von oben getroffen werden. Das wird jetzt so gemacht und basta! Ich träume davon, meine Besorgungen unbefangen, ohne schlechtes Gewissen, die Hände in den Taschen und mit leichten Schritten zu erledigen.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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