Meinung : Den Alten sei Dank

Das Rentensystem benachteiligt die Jungen – ihnen wurde aber auch viel geschenkt

Claudia Keller

Walt Disney hat Comics daraus gemacht: aus dem Konflikt zwischen reichen Alten und armen Jungen. Da kämpft der verarmte und trottelige Donald Duck gegen seinen reichen und geizigen Onkel Dagobert. Der Alte spannt seinen Neffen zwar gerne ein, um noch mehr Geld zu scheffeln. Aber Donald geht am Ende immer leer aus.

In der Wirklichkeit stehen sich 60-Jährige und 30-Jährige gegenüber. Die 60-Jährigen suchen Fincas mit Meerblick, die 30-Jährigen Jobs. Und weil die 30-Jährigen, wenn sie eine Arbeit gefunden haben, sehr viel mehr in die Rentenkasse einzahlen, als es die Älteren getan haben, und weil für sie am Ende trotzdem sehr viel weniger übrig bleiben wird als für die heutigen Rentner, stellt sich bei den Jungen das Donald-Gefühl ein: Die Alten nutzen uns aus.

Haben die Älteren das verdient? Nein, haben sie nicht. Anders als die Nachkriegsgeneration durften die Jüngeren ziemlich sorglos aufwachsen. Es stimmt schon, die älteren Menschen heute ziehen sich genauso wenig wie der reiche Onkel Dagobert Duck mit der Rentnerdecke überm Knie hinter den Ofen zurück und lassen die Jungen ran. Richtig ist auch, dass es den Ruheständlern im Schnitt sehr gut geht. Besser als vielen Bürgern, die im Erwerbsleben stehen – zum Beispiel, was Wohneigentum und anderes Vermögen angeht. Es gibt gewiss auch arme Rentner, aber der Anteil der Über-60-Jährigen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, ist wesentlich niedriger als im Schnitt der Gesellschaft.

Wenn die 30- bis 40-Jährigen heute so viel mehr in die Rentenkassen einzahlen müssen als die heutigen Rentner in den 60er und 70er Jahren, aber nach aller Wahrscheinlichkeit nicht einmal das Eingezahlte wiedersehen werden, dann klingt das erst mal ungerecht. Doch man muss auch sehen, dass die jüngeren Generationen schon viel bekommen haben, ohne dafür etwas leisten zu müssen: Schule, Studium, Lehre, alles war kostenlos. Aufgebaut und finanziert haben die Schulen, Betriebe und Universitäten die Älteren. Und gerade die Generation der heute 35-Jährigen hat es reichlich ausgekostet, dass alles umsonst zu haben war. Sie hat sich viel Zeit mit der Ausbildung gelassen, mehr als die Generationen zuvor.

Die Kriegs- und auch die Nachkriegsgeneration konnten sich das Trödeln nicht leisten. Sie mussten alles neu aufbauen. Und sie wollten es sich auch gar nicht leisten, denn schon mit zwanzig war für sie das Wichtigste, „dass es die Kinder später mal besser haben“. Der Gedanke zieht heute nicht mehr so sehr, es gibt ja kaum noch Kinder.

Die Jungen werden außerdem noch eine Menge von den Alten bekommen, jenseits der Rentenkassen und Sozialsysteme. Auch wenn die Rentner heute ihr Leben genießen, wird bei einem geschätzten privaten Geldvermögen in Deutschland von 2,5 Billionen Euro noch genug zum Vererben übrig bleiben. Und daneben auch noch so viel, dass schon jetzt in Deutschland jeden Tag mindestens eine Stiftung gegründet wird. Auch die Stiftungen kommen den nächsten Generationen zugute. Die Bundesbank in Frankfurt hat errechnet, dass in den kommenden Jahren rund 130 Milliarden Euro vererbt werden. Ein Grund zu jammern?

Statt sich den Kopf über einen Kampf der Generationen zu zerbrechen, könnte man einfach mal die Augen öffnen – für all die Bereiche, in denen sich Alte und Junge sinnvoll ergänzen. Zum Beispiel, wenn Rentner in die Schulen gehen und Kindern ehrenamtlich bei den Hausaufgaben helfen. Oder wenn die Oma von nebenan auf die Kinder der Nachbarn aufpasst und dafür keine schweren Einkäufe schleppen muss.

Und noch eins: Vielleicht sollte man aufhören, weiter den Jugendwahn zu bedienen. Wenn jeder sein darf, wie er ist, welche Entlastung wäre das – für alle. Wenn wir das Altern und das Kranksein nicht mehr wie etwas behandeln würden, was mit dem Alltag unserer Gesellschaft wenig zu tun hat, wenn Alte und Kranke ihren normalen Platz im Leben erhielten – dann ließe sich leichter über das Teilen reden.

Die Autorin arbeitet in der Berlin-Redaktion und ist 35 Jahre alt.

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