Meinung : „Den Teufel muss es geben“

Gregor Dotzauer

Schon seit Jahren humpelt er, halb taub und auf Krücken, ziemlich lädiert durch die Welt. Sein Mundwerk aber ist so intakt wie eh und je. Norman Mailer hält sich auch mit 84 Jahren noch immer für Amerikas härtesten Schriftsteller und scheint sich zu sagen: Ein scharfer Spruch ist besser, als gar keine Meinung zu haben. Wo andere allmählich ein altersmildes „Näher, mein Gott zu dir!“ ins Auge fassen, hat er sich, keinen Gegner scheuend, vorgenommen, dem Teufel nochmal so richtig in die Eier zu treten.

Das kann man wörtlich nehmen. Denn Mailers vergangene Woche in den USA bei Random House erschienener Roman „The Castle in the Forest“ (Das Waldschloss) erzählt aus der Perspektive eines SS-Offiziers, der sich als willfähriges „Werkzeug des Bösen“ betrachtet, wie mit Hilfe ursatanischer Kräfte ein neuer Beelzebub gezeugt wird. Das Ergebnis heißt Adolf „Adi“ Hitler, hat nur einen Hoden und masturbiert nach Kräften. Die Idee, Hitlers Jugendjahre als metaphysischen Horrorstoff mit historischem Unterfutter zu rekapitulieren, ist so krude wie das ganze Buch. Mailer hat gerade das gereizt: „Das Universum“, sagt er, „erscheint mir einfacher zu verstehen, wenn es einen Teufel gibt, als wenn es ihn nicht geben würde.“ Und so lässt er seinen Maestro genannten Teufel antreten gegen einen Gott, der bei ihm, auf gut deutsch, DK wie Dummkopf heißt.

Mailers Roman ist als 100 Jahre umspannende Familiensaga angelegt. Sie reicht von „Adis“ Großelterngeneration bis ins 16. Lebensjahr des heimlichen Protagonisten. Den Rest der Geschichte soll, so Gott oder der Teufel will, ein Fortsetzungsband erzählen. Dabei ist schon fraglich, ob den jetzigen jemand lesen wird. Die Rezensionen sind zum größten Teil vernichtend. Nach allem, was Mailer in den letzten 50 Jahren durchgemacht – und seinem Publikum zugemutet – hat, wäre er abgehärtet genug, noch gewagtere Stoffe anzugehen. Doch in den Regionen, in denen er sich bewegt, geht es nicht mehr höher hinaus.

Seit seinem Debütroman „Die Nackten und die Toten“ (1948) hat er den Respekt für seine Bücher Stück um Stück verspielt. Seine letzte literarische Niederlage erlitt er vor zehn Jahren. „Das Jesus-Evangelium“ versuchte, das Leben des Gottessohnes aus der Ich-Perspektive zu erzählen. Nur die Bewunderung für das Gesamtkunstwerk Mailer ist gewachsen: Mehr Schnapsdelirien und Ehekatastrophen hat kaum ein Schriftsteller überstanden.

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