Meinung : Denkarbeit für Süchtige

Unser täglich Sudoku

Wir haben eine lieb gewonnene Routine: das sonntägliche Sudoku-Lösen. Wir fangen grundsätzlich mit dem schweren Sudoku an. Früher war dies eine echte Herausforderung: die Sudokus waren so schwer, dass die Köpfe rauchten und manchmal ein paar Tage Pause erforderlich waren, um die Denk- und Kombinationsblockaden zu lösen und erneut anzufangen. Selbst Hilfszahlen führten nicht immer weiter, und man fragte sich, ob der Alterungsprozess noch aufzuhalten sei. Der schon nicht mehr als Mittfünfziger, gleichwohl mit Geheimratsecken und Brille ausgestattete Rater und sein weibliches Pendant konnten die Ratezeit immerhin als gesprächsarme und reduzierte Beziehungskommunikation überbrücken. Was waren das für Zeiten!

Inzwischen sind die Sudokus so leicht, dass wir unter wettbewerblichen Bedingungen und Zuhilfenahme einer Stoppuhr ans Raten gehen. Wir können uns sogar dabei unterhalten! Das gab es früher nie! Im Gegenteil: Ruhe! Pssst! Lass mich! Später! Grummel, grummel. Jetzt stellt sich dem aufmerksamen Beobachter und Rätsellöser die Frage: Wie konnte es passieren, dass die heutigen Sudokus so leicht zu lösen sind? Sind wir etwa die Einzigen, die das so sehen? Warum hat noch niemand einen Leserbrief geschrieben? Will man uns in diesen schweren Zeiten der sich öffnenden Rettungsschirme mit den Sudokus in Sicherheit wiegen? Wenigstens hier stimmen die Zahlen und das beim ersten Versuch? Oder aber: Die Sudokus sind nach wie vor schwer, haben wir nur durch Übung inzwischen die Professionalität erreicht, die nach Höherem strebt? Handelt es sich gar um einen sich altersmäßig bedingt entwickelnden Intelligenzzuwachs? Der sich allerdings auch nur an dieser Stelle bemerkbar macht? Wir wissen es nicht. Was wir wissen: Wir wollen unsere schweren Sudokus wieder haben! Wir wollen stöhnen und ächzen und schimpfen. Auf wen auch immer.

Mit sudokulichen Grüßen

Gudrun Dohse, Glienicke/Nordbahn

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