Meinung : Denken wir an Afrika: Die erste Welt selbstvergessen

Da taucht es wieder auf: Afrika. Diesmal trägt es den Namen Simbabwe. Eine Krise weitet sich aus - und Europa schaut hin. Also eben doch wieder Afrika, wie wir es kennen: Kontinent der Krisen, Kriege, Katastrophen.

Europa verhängt Sanktionen gegen Simbabwe, nachdem der seit 22 Jahren regierende Robert Mugabe nun auch Wahlbeobachter ausgewiesen hat. Die EU sucht nach einem Weg, um dem Mann, der systematisch Gewalt gegen weiße Farmer geschürt hat, zu zeigen, dass er die Präsidentschaftswahlen Anfang März nicht ungesehen manipulieren kann. Gut, dass Europa hinschaut, was dort passiert. Viel zu oft schaut die westliche Welt weg.

Besonders eklatant damals in Ruanda, wo beim Völkermord 1994 nach den in diesen Tagen veröffentlichten offiziellen Zahlen mehr als eine Million Menschen umkam - und die ganze so genannte zivilisierte Welt sich beim Ausbruch der Gewalt davonstahl. Warum dann jetzt diese Aufmerksamkeit? Weil wir gelernt haben? Oder vielleicht doch eher, weil wir bei diesem Konflikt eine Verbindung zu unserer eigenen Welt herstellen können; weil Deutsche und Briten betroffen sind? Der Blick fällt dorthin, weil der Kontinent im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den Terror nach dem 11. September in den Fokus gerückt ist. Keiner hat sich für Dschibouti interessiert - bis die deutsche Marine dorthin aufgebrochen ist.

Auf diesem einen Kontinent leben 800 Millionen Menschen. Ein brachliegendes Potenzial, weitgehend vergessen von der übrigen Welt. Und das Vergessen ist gefährlich. Nur die Kenntnis hilft: Die Leistungen der Menschen dort sind so anderer Natur als die, die in den Industrienationen zählen. Wer würde es in unserer Welt ertragen, täglich mit den Mördern der eigenen Familie konfrontiert zu sein und dennoch Dialog oder gar Versöhnung zu suchen. Die Menschen in Ruanda und Südafrika schaffen es. Die meisten Afrikaner leben unter Bedingungen, die sich ein Westeuropäer heute kaum vorstellen kann. Das Gepäck eines Reisenden ist zum Teil mehr wert als das, was eine ganze Familie zum Leben hat. Im ganzen Jahr.

Die Welt aber hat den Menschen in Afrika etwas versprochen. Es ist unvergessen: Beim Millenniumgipfel in New York haben die Vereinten Nationen beschlossen, die Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Um diese Zusage einzulösen, wird es nicht reichen, dass zum Beispiel Deutschland auf seine Afrikabeauftragte verweist. Wenig erfolgverheißend sind allzu große Hoffnungen auf Projekte wie das, das der Bundespräsident jüngst in Südafrika besuchte: Deutsche Jugendliche spielen mit Schwarzen Fußball. Zu einfach ist es auch, Computer zu exportieren und zu glauben, so funktioniere der Anschluss an die Moderne. In Afrika gibt es gerade 0,06 Prozent aller Internetanschlüsse - die meisten Menschen haben noch nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser. Eine Zukunftsperspektive ist das nicht.

Deutschland engagiert sich in der Entwicklungshilfe für Afrika wie wenige andere. In der Öffentlichkeit kommt das kaum vor, schon gar nicht als Notwendigkeit; wenn das Thema dem Kanzler auch keine halbe Stunde wert ist. Die Vielfalt macht viele einfach sprachlos. Wenn aber die versprochene Hilfe nicht nur ein Alibi sein soll, muss die Politik tief in Afrika eintauchen. Sie muss sich mit den Strukturen der Gesellschaften auseinandersetzen, sich auch einen breiten Zugang jenseits der Eliten suchen. Krisen, Kriege

Katastrophen - sie brauchen eine Afrikapolitik, die darüber hinaus weist. Nahrungshilfe und Sanktionen, Interventionen und dürre Kanzlerworte reichen nicht. Nur die Kenntnis hilft. Vergessen ist gefährlich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben