Meinung : Der andere kleine Unterschied

30 Jahre „Emma“: Was Ostfrauen von Westfrauen unterscheidet – mehr Lebensnähe, mehr Optimismus?

Angela Elis

In der DDR gab es nicht nur keine Bananen, es gab auch keine „Emma“. Der Unterschied: Unsere Münder sehnten sich nach Bananen, nach der „Emma“ verlangte es uns weniger. Warum auch, die Gleichberechtigung der Frau war erklärtes politisches Ziel. Frauen standen im Sozialismus selbstverständlich „ihren Mann“. Sie waren als Ingenieurin oder Kranführerin begehrt und geachtet und wurden jedes Jahr am Internationalen Tag der Frau mit roten Nelken beschenkt, manch eine erhielt gar den Titel „Held der Arbeit“. Die leichte männliche Note dabei störte nicht, wir waren es gewohnt, dass die DDR meist hübschhässlich war. Dass „Mutti früh zur Arbeit“ geht, war damals jedenfalls normal, so wuchs auch ich – unter Absingen des gleich lautenden Kinderliedes – auf.

Meine erste Begegnung mit dem Zentralorgan des deutschsprachigen Feminismus hatte ich 1992. Ich war als Volontärin bei einer Fernsehstation vorübergehend für die Kirchenredaktion eingeteilt. Als es an einem Nachmittag redaktionell nichts mehr zu tun gab, packte ich die „Emma“ aus, die ich irgendwo in die Finger bekommen hatte. Jetzt wollte ich wissen, was das denn für eine Zeitschrift war. Doch kaum hatte ich zu blättern angefangen, kam das Oberhaupt der Kirchenredaktion an meinem Schreibtisch vorbei, und als er mich mit der „Emma“ sah, verfinsterte sich sein Blick. Er gab mir die Anweisung, ich möge dieses ideologische Machwerk in meiner Freizeit lesen, aber auf keinen Fall hier. Aha, dachte ich, Leseverbote, die kenne ich aus der DDR! In meine dort gemachten Erfahrungen übersetzt hieß das: Diese Zeitschrift muss von großer Bedeutung sein!

Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, was ich tatsächlich gelesen habe, aber ich begann, über den Unterschied zwischen Ost- und Westfrauen nachzudenken.

Der Vergleich war nicht schwer, denn zwei meiner Tanten hatten kurz vor dem Mauerbau in den Westen geheiratet, und nachdem sie Kinder bekommen hatten, lebte jede der beiden abhängig von ihrem Mann, der das Geld nach Hause brachte. Meine Mutter und zwei andere Tanten hatten dagegen im Osten den Bund der Ehe geschlossen, auch Kinder bekommen, blieben aber berufstätig, ohne sich je vom DDR-System politisch einfangen zu lassen.

Natürlich haben die DDR-Oberen versucht, alle Bereiche des Lebens mit ihrer Weltanschauung zu durchdringen, aber das hieß ja noch lange nicht, dass sie damit erfolgreich gewesen sind. Ganz im Gegenteil, bei vielen Versuchen haben sich die depperten Greise, die ihren Mangel an Bildung mit auswendig gelernten Phrasen verdeckten, die sie Überzeugungen nannten, richtig lächerlich gemacht — eben nicht nur im Westen. Mit der Zeit hat sich der Gähnreflex auf deren Parolen als natürliche Gegenreaktion eingestellt, was aber nicht bedeutete, dass die Berufstätigkeit fast aller Mütter, ermöglicht durch eine vom Staat organisierte Kinderbetreuung, schlecht war.

Meine jüngste Tante ist übrigens sogar bis nach Amerika gekommen. Doch auf ihre Geschichte komme ich später zurück.

Die sozialistische Urmutter Clara Zetkin hatte im 19. Jahrhundert schon die These aufgestellt, erst dann, wenn eine Frau wirtschaftlich unabhängig sei, sei sie auch von der Unterjochung durch den Mann befreit. In der DDR wurde das zum Staatsziel erklärt. Es gibt sogar ein passendes Zitat von SED-Macho Walter Ulbricht aus dem Jahr 1962, das ausnahmsweise ganz lustig ist: „Ich weiß, dass es alte Auffassungen gibt, wonach die Frauen vor allem leichtere Berufe ausüben müssten. Aber, liebe Genossinnen, wir können den Sozialismus nicht nur mit Friseusen aufbauen. Ich bin auch für schöne Frisuren, aber das Wichtigste und Interessanteste sind gerade die technischen Berufe.“ So viel immerhin hatte der merkwürdige Kauz mit dem vom Barbier gepflegten Spitzbart erkannt. Die Förderung der Frau war in der DDR nie strittig. Deshalb können wir Ostfrauen mit dem Begriff „Feminismus“ wenig anfangen.

Im Westen war das anders. Ich habe mir sagen lassen, dass noch bis zum Jahr 1976 eine Frau nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verpflichtet war, den Haushalt zur Zufriedenheit ihres Mannes zu führen. Wollte die Frau berufstätig sein, brauchte sie vorher die Zustimmung durch ihren Ehemann. Der konnte diese – mit Berufung auf das Gesetz – verweigern.

Die Konsequenz: Laut Statistik waren neunzig Prozent der Frauen im Osten in den Erwerbsprozess integriert, im Westen waren es nur vierzig Prozent. Nur fünf Prozent der Frauen in der DDR hatten keine abgeschlossene Berufsausbildung, in der Bundesrepublik waren es dreißig Prozent.

Dabei war das Ideal im Osten nicht etwa die nur auf sich bezogene Karrierefrau. Leitbild war immer die berufstätige Frau, die auch Mutter war. Und für die wurde einiges getan: Mütterberatung, Kinderkrippen und Kindergärten, Schulen mit Anbindung an einen Hort, Betreuung der Kinder bis zum frühen Abend hin, einmal im Monat einen bezahlten Haushaltstag. Die Frauen im Osten bekamen im Durchschnitt 1,9, die im Westen nur 1,3 Kinder. Dabei gab es die Pille im Osten umsonst. Doch nicht etwa, damit beim Sex keine Kinder entstehen, sondern damit die Frau planen konnte, wann sie schwanger werden wollte. Kein Geld für Verhütung zu haben, sollte nicht der Grund für ungewollte Schwangerschaften sein.

Westler behaupten gern, die DDR habe die Frauen nur unterstützt, um sie und die Kinder politisch besser gleichschalten zu können. Ein Blick in die Geschichte zeigt etwas anderes: Die Einbeziehung der Frau als gleichberechtigte Partnerin war zunächst einmal pure Notwendigkeit, denn im Zweiten Weltkrieg waren viele Männer umgekommen, die fehlten beim Aufbau aus den Ruinen. In der Zeit danach blutete der Osten, was seine Eliten betraf, bis zum Mauerbau weiter aus. Die gingen nämlich in den Westen, dem außerdem noch Gastarbeiter aus Italien, Spanien oder der Türkei zuströmten. Im Unterschied zum Westen brauchte also die DDR dringend arbeitende Frauen. Jenseits der Mauer dagegen wurde eine Frau, die zu Hause bleiben konnte, in den Wirtschaftswunderjahren sogar zum Statussymbol. Sie war ähnlich wie der Mercedes oder das schmucke Reihenhäuschen gestylt und überall vorzeigbar. An den restlichen Tagen des Jahres ist sie jedoch eher zur Putzfrau verkommen. Wie viel Befriedigung diese Frauen in den wiederkehrenden, wenig lustvollen Tätigkeiten wie Saubermachen, Kochen und Waschen wohl fanden?

Da hatten es die Ostfrauen, die in ihrem Beruf öffentliche Wertschätzung genossen, besser – obwohl sie durch die Mehrfachbelastung von Beruf, Haushalt und Erziehung gestresst waren. Positiver Stress war das, und wer es erlebt hat, weiß aus eigener Erfahrung: Das meiste meistert Frau mit Hilfe guter Organisation. Liebe Wessis in den Chefetagen: Berufstätige Mütter sind kein ständiges Ausfallrisiko, sie sind Organisationstalente und als Profis fürs Komplizierte oft effektiver als Männer.

In der DDR gab es auch nach einer Scheidung keinen Anspruch auf Versorgung durch den Ehemann. Wie viele Westmänner stöhnen, dass sie von der Frau, die während der gemeinsamen Ehe zu Hause saß, nach der Scheidung abgezockt werden. Manche dulden deshalb lieber die Nervensäge daheim, als ihr bis ans Lebensende Unterhalt zu zahlen. Außerdem kann sich die Ehefrau ja noch mit Hemdenbügeln und Kofferpacken für diverse Dienstreisen nützlich machen, auf denen sich dann die Westmänner – hinter vorgehaltener Hand oder bei der Geliebten im Bett – beklagen, was die Gattin so alles tagsüber treibt, wie sie seltener die Teller spült, dafür mehr dem Champagnerkonsum verfallen ist, auch schon vormittags.

In der DDR war so etwas undenkbar und zwar nicht deshalb, weil wir nur Rotkäppchen kannten und keinen Champagner. Hier wurden erste „Berufserfahrungen“ bereits in der ersten Klasse gemacht. Der Einstieg in den Arbeitsalltag begann mit dem Unterrichtsfach „Schulgarten“, wo wir Kinder für ein, zwei Stunden pro Woche in einer Gärtnerei Arbeit fanden. Die Berufsbekleidung bestand aus Gummistiefeln und einer Dederonschürze (Dederon ist eine widerstandsfähige Synthetikfaser).Wir haben Unkraut gezupft, Pflanzen gezüchtet und den Weg bis zur Ernte anhand dessen vollzogen, was unsere kleinen Hände schon selber leisten konnten.

Nach der vierten Klasse waren dann die UTP-Tage dran, so genannte „Unterrichtstage in der Produktion“. Meine Mitschüler und ich wurden zum Beispiel einer Baufirma zugeteilt, bei der wir lernten, wie man Wände oder Heizkörper streicht. Fähigkeiten, die später für den Einzug in die erste eigene Wohnung von Nutzen waren. Auch sind wir als ganze Klasse mit dem Zug ins VEB-Kombinat Böhlen, bei Leipzig, gefahren. Dort lernte auch ich als Mädchen Punktschweißen. Ich stand mit Helm und Schweißerbrille an der Maschine, die Funken flogen und Metallteile wurden zusammengeführt.

Und obwohl ich dann studierte und heute Fernsehmoderatorin bin: Mir hat das Spaß gemacht — ich kann mich nicht erinnern, dass irgendein Tag in der realen Produktion lästig war. Zugleich hat man mitbekommen, was es bedeutet, „auf Arbeit“ zu gehen. Jeder begann zu ahnen, dass das Erwachsenendasein nicht nur ein Freizeitspaß ist, der Alltag im Betrieb allerdings durchaus vergnüglich sein kann. Wenn ich heute junge Menschen erlebe, die keine Ahnung haben, was sie machen sollen, die Null Bock haben und oft ohne Perspektive sind und die wütend um sich schlagen, dann wünsche ich denen, sie hätten im Schulgarten oder in der Praxis mit Unternehmen schon so viele Erfahrungen gesammelt, dass sie nach der Schule gut klar kommen.

Was also bedeuten Emanzipation oder Feminismus im wiedervereinten Deutschland?

Die DDR-Zeit, als Frauen noch dringend als Arbeitskräfte gebraucht wurden, ist vorbei. Heute herrscht in vielen Regionen im Osten eine hohe Arbeitslosigkeit. Doch Frauen und Familien mit Hartz IV, die arbeiten wollen und dennoch keine Chance bekommen, können nicht selbstbewusst auftreten. Die Anerkennung durch Leistung am Arbeitsplatz und selbstverdientes Geld bleibt ihnen verwehrt. Es gibt aber auch eine andere Seite, über die kaum einer spricht: Das sind jene junge Frauen oder auch Männer, die nicht bereit sind, etwas anderes zu tun als das, wozu sie gerade Lust haben, auch Mütter, allein erziehende oder verheiratete, die lieber mit dem Geld vom Staat und etwas Schwarzarbeit den Alltag bestreiten als für einen ähnlich niedrigen Lohn jeden Tag früh morgens aufzustehen.

Soziale Gerechtigkeit haben also nicht nur die Schwachen nötig, sondern auch für die, die sich stets aufraffen und an ihren Arbeitsplatz gehen, selbst wenn dort nicht nur Lorbeeren auf sie warten. Wichtig sind nicht die Deckmäntelchen, die man sich umhängt, egal ob sie nun Feminismus, Sozialismus oder Ökonomismus heißen, zu viele Fratzen schauten schon aus solchen Verkleidungen hervor. Wichtig ist die Bereitschaft für Taten, sich nicht in drittklassigen Verhältnissen einzurichten und aushalten zu lassen, sondern aktiv zu bleiben, zumindest neugierig und bereit, die Zukunft mit den je eigenen Möglichkeiten mitzugestalten.

Zum Schluss, wie versprochen, noch ein Blick auf meine Tante, die nach Amerika gegangen war. Sie hat drei Kinder auf die Welt gebracht, dabei immer gearbeitet. Und das musste sie auch, weil ihr Mann, als die Kinder noch klein waren, irgendwohin in die Weiten des Landes verschwunden war. Mit ihren heute über sechzig Jahren ist es für sie noch immer selbstverständlich, mehrere Jobs zu haben. Zum einen verkauft sie kalifornischen Wein, managt dazu noch einen Einkaufsshop im Internet. Zum anderen schreibt und zeichnet sie Kinderbücher. Sie ist von all ihren Schwestern diejenige, die am jüngsten und fittesten geblieben ist. Zufall? Schicksal? Sie sagt: „Willkommen in der neuen Arbeitswelt!“ Zu jammern oder sich zu beklagen, fiele ihr nicht ein.

Ist es also möglich, dass auch Feministinnen einen lebensnahen Optimismus verbreiten, statt über die Ungerechtigkeit der Welt zu klagen? Vielleicht wäre es eine gute Idee, darüber mal zu schreiben – für „Emma“ zum Beispiel.

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