Meinung : Der Apparat und das Mädchen Angela Marquardt und die Stasi: doppeltes Opfer

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Von Simone von Stosch

Der Schaden für die PDS ist immens, trotz aller Abwiegelei. Bei der jüngsten IM-Enthüllungsstory hat es Angela Marquardt erwischt: das Aushängeschild der PDS für die junge Generation, für den Abschied vom SED-Muff, den schonungslosen Bruch mit Vergangenem. Seit drei Tagen hat dieses Image einen Riss: Marquardt war ganz offensichtlich „IM“ (inoffizieller Mitarbeiter) der Stasi. Es gibt eine Akte, eine Verpflichtungserklärung, einen Deckn. Und es gibt das Dementi sowie den vertrauten Satz: „Ich habe niemals wissentlich für die Stasi gearbeitet." Nur eine altbekannte Stasi-Geschichte in neuem Gewand?

Die Geschichte hat drei Ebenen und entzieht sich einfachen Urteilen. 1987 war Angela Marquardt 15 Jahre alt und die Staatssicherheit gehörte sozusagen zur Familie: Mutter und Stiefvater, beide waren IM; auf ihr Betreiben hin unterschrieb Angela Marquardt die Verpflichtungserklärung für die Stasi.

Mitarbeiter der Stasi gingen im Hause Marquardt ein und aus, für die Tochter waren das Vertrauenspersonen, Vorbilder. Aus den Gesprächen mit diesen „Freunden" entstanden die jetzt öffentlich gewordenen Gesprächsprotokolle, in denen Angela Marquardt berichtet: über Schule, Mitschüler und das Neue Forum, für das sie sich begeisterte. Man mag Angela Marquardt nicht als Täterin sehen, zumal sie zurzeit ihrer Unterschrift nicht einmal unter das Jugendstrafrecht fiel. Die Geschichte offenbart an dieser Stelle vor allem eins: die Perfidität, mit der die Stasi arbeitete und bis in die letzten Winkel des privaten Lebens eindrang. Der Fall Marquardt ist ein Dokument für die Allgegenwärtigkeit, die Totalität der Kontrolle.

Die zweite Ebene betrifft die junge Politikerin Marquardt nach der Wende. Verständlich, dass sie den Kontakt zu den Eltern abbricht, nachvollziehbar, dass sie Vergangenes abstreifen und neu anfangen will. Angela Marquardt geht in die Politik, 1995 wird sie stellvertretende Vorsitzende der PDS, seit 1998 sitzt sie im Bundestag. Hier beginnen die Fragen: Warum hat sich Angela Marquardt nicht spätestens jetzt mit ihrer Biografie auseinander gesetzt?

Die Frage ist nicht ohne die dritte, politisch entscheidene Ebene zu beantworten: die Partei, der Marquardt angehört, die Ziehväter Gregor Gysi und Lothar Bisky und andere Funktionäre, denen das familiäre Umfeld bekannt war. Warum hat niemand die junge – unerfahrene? – Genossin aufgefordert, ihrer Geschichte nachzuspüren? Die Antwort darauf liegt auf der Hand: Angela Marquardt durfte ihrer Geschichte nicht nachgehen, gerade wegen ihrer Funktion in der PDS. Die Parteispitze – allen voran Gregor Gysi – hatte die Frau mit Punk-Outfit bewusst aufgebaut als Gegenpol zu Hans Modrow und Konsorten, denen der alte Stallgeruch zu deutlich anhaftet. Was im Interesse von Angela Marquardt lag, spielte auch jetzt keine Rolle für die Herren des Apparats. Wie schon im Jahre 1987, als sie unterschrieb.

Angela Marquardt sollte die neue, unschuldige, unverstrickte PDS repräsentieren. Auch deshalb tolerierte die Partei ihr Engagement für die Öffnung der Stasi-Archive, für die Aufarbeitung der Vergangenheit. Und nur so lässt sich die Schizophrenie erklären, dass die Politikerin Marquardt fordert, wer eine Funktion oder ein Mandat innehabe, müsse seine Biografie offen legen, während die Privatperson Marquardt eine freiwillige Überprüfung ablehnt und ihre Geschichte unter Verschluss hält – auch vor sich selbst. Es ist also mehr als verlogen, wenn Fraktionschef Roland Claus der Kollegin scheinbar den Rücken stärkt: „Ihre Geschichte ist glaubhaft!“, sich aber in Hintergrundgesprächen über das lange Schweigen der Genossin wundert.

Der Fall Marquardt bringt die Partei jetzt in eine prekäre Situation. Bisher galt nach außen die Devise: Wer mit seiner Vergangenheit offen umgeht (und nur der), wird durch die Partei geschützt. Von dieser immer schon halbherzigen Position müsste die PDS jetzt abrücken – oder auf ihr Sponti–Zugpferd verzichten. Es darf erwartet werden, dass beides nicht geschieht.

Der Fall Marquardt zeigt – mal wieder – dass die Partei nicht frei ist. Deren Akteure sind verstrickt, das System Staatssicherheit ist noch immer allgegenwärtig: in den Biografien und im Umgang mit der Vergangenheit. Helfen würde nur radikale Offenheit. Die PDS hat sich längst für einen anderen Weg entschieden – das kostet Opfer. Diesmal hat es Angela Marquardt erwischt.

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