Meinung : Der Bärennöter

Bruno ist keine Jagdtrophäe. Er ist eine Lektion für die menschliche Demut

Christiane Peitz

Bruno ist tot. Von bayerischen Jägern im Morgengrauen erschossen.

Der Mensch in uns, der aufgeklärte, pragmatische Zweibeiner des 21. Jahrhunderts, sagt sich: Okay, so ist es nun mal. Menschen jagen Tiere seit Menschengedenken, vom Bären haben sich schon unsere Steinzeitahnen ernährt. Wir töten Geflügel, Schweine und Rinder, nicht nur, wenn sie die Pest haben, sondern vorzugsweise für die Speisetafel – und kein Hahn kräht danach. Es ist nicht in Ordnung, wenn die Jäger Hass-Mails bekommen. Sie haben nur ihren Job gemacht.

Der Bär ins uns, der romantische, tierliebende, einst seinen Teddybären knuddelnde Zeitgenosse, sagt sich: Wie schrecklich! Bruno, der sich die Freiheit nahm, die er meinte, den wir liebten, weil er die ach so zivilisierten Europäer an die Wildnis erinnerte, der sie entstammen, musste sterben, „nur weil er nicht dem menschlichen Knigge entsprach“ (Tierschutzbund-Präsident Wolfgang Apel). Können Mensch und Kreatur sich nicht arrangieren? In Alaska ziehen sie Zäune um Schulen und Kindergärten – wegen der Bären. Und war Bruno wirklich so gefährlich, wenn er sich dem Rotwandhaus bis auf wenige Meter näherte, es aber genügte, dass der Almhüttenpächter ihn anschrie, damit er sich trollte?

Nun streitet sich die Bären-Nation. Ob der Bär tatsächlich nicht zu fassen war. Ob es nun arttypisch oder atypisch war, dass Bruno Schafe und Hühner gerissen hat, statt Rehe zu jagen. Ob es gar am Muttertier lag, an Problembärin Jurka, die ihrem Jungen falsches Jagdverhalten (Nutzvieh statt Freiwild) beigebracht hat.

Put the blame on mame, babe: JJ1 bleibt ein fantastisches Wesen. Eins, auf das wir unsere Sehnsüchte projizieren, die ganze menschliche Tragikömodie. Die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer zum Beispiel, nach vagabundierender Waldeslust samt Grenzüberschreitung und Zickzackkurs statt ehrgeizig-geradlinigem Lebenslauf. Auch für die offenen Fragen der Zivilisation kam der Problembär gerade recht. Wer ist schuld, wenn es nicht klappt mit der friedlichen Koexistenz: die Triebe oder die Kinderstube, Natur oder Kultur? Ist Bruno ein Opfer des archaischen Dilemmas, das unsereins fürs nackte Überleben schon immer Jäger und Sammler sein musste, Zerstörer und Bewahrer, potenzieller Mörder und mögliches Opfer?

Die wilden Tiere hat der Mensch ausgerottet, um sein eigenes Leben zu schützen. Das wilde Tier in uns, es tobt sich anderswo aus, siehe Portugal – Niederlande, siehe Ottfried Fischer, siehe Schlammschlachttheater und Actionkino. Vom Western weiß man: Nur ein toter Held ist ein guter Held. Etwas Besseres als den Tierpark findet so einer allemal. Bruno ist einen würdigen Westernheldentod gestorben, von Angesicht zu Angesicht mit seinem Gegner. Nun soll er fürs Museum ausgestopft werden. Aber Bruno ist mehr als eine Jagdtrophäe: eine Lektion für die menschliche Demut.

Übrigens: Bruno hat einen Zwillingsbruder; JJ2 aus dem italienischen Trentino gilt als verschollen. Die Jagd geht weiter.

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