Meinung : Der Beziehungsweise

Kaum wieder im alten Amt, fährt Frank-Walter Steinmeier nach Griechenland.

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Griechen und Deutsche: Außenminister FrankWalter Steinmeier wird wissen, wie schwierig die Beziehung dieser beiden Völker ist. Sonst käme er wohl nicht so rasch nach seinem Amtsantritt in die griechische Hauptstadt Athen. Der knapp 20-stündige Besuch wird überschattet vom Anschlag auf die Residenz des deutschen Botschafters in Athen. Mutmaßlich linksextremistische Terroristen nahmen das Gebäude in der Nacht zum 30. Dezember mit Schnellfeuergewehren unter Beschuss, eine Kugel schlug in einem Schlafzimmer der Diplomatenfamilie ein.

Entsprechend scharf sind die Sicherheitsvorkehrungen für Steinmeier. Dabei ist er vielen Griechen ein willkommener Gast. Sie sehen in ihm einen „guten Deutschen“. Mit der Regierungsbeteiligung der SPD in der großen Koalition verbinden sie die Hoffnung auf eine Lockerung dessen, was sie als „deutsches Spardiktat“ empfinden. Sie hoffen auf mehr Mitgefühl und weniger Strenge. Das sind hohe Erwartungen, denen Steinmeier nur schwer gerecht werden kann. Er will seinen Besuch zwar als „Zeichen der Solidarität mit den Menschen in Griechenland“ verstanden wissen und äußerte Anerkennung für die Reformbemühungen der Griechen, sagt aber auch: „Es ist noch ein langer Weg zu gehen.“

Oft wird vergessen: Griechen und Deutsche waren einmal richtig gute Freunde. Noch 2005 hatten in einer Umfrage fast 80 Prozent der Griechen eine „gute Meinung“ von Deutschland, womit die Deutschen die beliebteste Nation überhaupt waren. Dann kamen die Schuldenkrise und die Sparauflagen, hinter denen viele Griechen Angela Merkel als treibende Kraft vermuten. „Es muss wehtun“, habe ihm die Kanzlerin 2010 bei den Verhandlungen über das Sparprogramm gesagt, berichtet der damalige griechische Premier Giorgos Papandreou.

Merkel ist heute in Griechenland die unbeliebteste ausländische Politikerin. Fast 85 Prozent haben eine schlechte Meinung von ihr. Das färbt ab auf Deutschland insgesamt. Nur noch jeder dritte Grieche ist gut auf die Deutschen zu sprechen. Jeder Vierte sieht in Deutschland sogar eine „Bedrohung“. Mehr Angst haben die Griechen nur vor dem Erzfeind Türkei.

Medien beider Länder haben einen Anteil an der Zerrüttung. Während ein deutsches Boulevardblatt wieder und wieder gehässig über die „Pleite-Griechen“ herzog, bildeten griechische Gazetten Merkel mit Hakenkreuz-Armbinde ab. Der Karikaturist der Zeitung „To Vima“ zeichnete die Kanzlerin als Zirkusdompteuse, die mit ihrer Peitsche gebrechliche griechische Rentner antreibt, durch einen brennenden Reifen zu springen.

Solche Bosheiten sind allerdings nur ein Aspekt. Viele Menschen sind enttäuscht. Sie fühlen sich unverstanden, herabgesetzt und verletzt – gerade von den Deutschen. Andererseits gibt es enge menschliche Verbindungen zwischen beiden Völkern. In den 1960er Jahren kamen hunderttausende Griechen als Gastarbeiter nach Deutschland. Die meisten kehrten in ihre Heimat zurück, viele gut ausgebildet, manche sogar wohlhabend. Dieses Fundament trägt noch immer. Jetzt, in der Krise, ist Deutschland wieder das bevorzugte Ziel vieler griechischer Auswanderer.

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