Meinung : Der blinde Fleck

Die Wirkung der Mauer war paradox. Sie mahnte zum Kampf gegen Diktatoren – und verführte zur Komplizenschaft mit ihnen.

Klaus Hartung
Der Autor war Berlin-Korrespondent der „Zeit“. Er ist Publizist und Maler.
Der Autor war Berlin-Korrespondent der „Zeit“. Er ist Publizist und Maler.

Sie sind schwächer geworden, die kleinen Impulse des Glücks bei der Durchfahrt ehemaliger Berliner Grenzkontrollpunkte. Invalidenstraße, Checkpoint Charly. Verblasst ist längst auch jenes kostbare Gefühl in den Tagen, als eigene Wünsche und die Wendungen der Geschichte, als Freisein und Freiheit eins waren. Mehr und mehr entschwindet die Mauer aus der lebendigen Erinnerung. Was von ihr blieb, was im Mauerpark oder sonst wo arrangiert, präsentiert und inszeniert wird, ist Sache der professionellen Erinnerungspolitiker. Nur der Mauerfall selbst und – wer alt genug ist – der Mauerbau bleiben fest mit der eigenen Biografie verknüpft.

Dieses Wo-war-ich oder Was-tat-ich-als-das-geschah können wir immer noch verlässlich abrufen. Gewöhnlich wird dann eine Art kollektive Generalerklärung hinzugesetzt, um das Wunder, die magische Nacht, den „Wahnsinn“ des 9. November zu erklären: „Wir haben es nie für möglich gehalten, dass die Mauer noch in unserer Generation verschwindet.“

Erstaunlicherweise wird über dieses Statement, das zumeist mit dem Brustton der Überzeugung ertönt, kaum nachgedacht. Im Klartext ist dieser Satz blamabel und bedrückend: Für uns war es eine nicht weiter hinterfragbare politische Realität, ja, Normalität, dass Deutsche diesseits – auf der Sonnenseite – und jenseits – auf der Stacheldrahtseite – lebten. Heute, also in Zeiten, in denen wir von unseren Politikern ganz selbstverständlich verlangen, dass sie auf China- oder Russlandreisen Menschenrechtsverletzungen anprangern, würden wir eine derartige Einstellung als ein Einverständnis mit der Diktatur brandmarken. Aber was damals normal war, diese bleierne Mauerzeit, wird vom gleißenden Lichtbogen des Mauerfalls überblendet und verdrängt. Und so ist uns kaum bewusst, wie sehr die Zeit davor zum blinden Fleck geworden ist.

Solange es um die Vorgeschichte und Geschichte ihres Baus geht, erweist sich die Mauer als ein fruchtbarer analytischer Focus, um die weltpolitischen Konstellationen und Dynamiken in der heißen Phase des Kalten Krieges zu begreifen. In Edgar Wolfrums schmalem Buch „Die Mauer. Geschichte einer (!) Teilung“ lässt sich nachlesen, wie sehr die Mauer ein Movens der Politik war. Wenn in diesen Wochen an den 50sten Jahrestag des Mauerbaus erinnert wird, muss man sich wieder mit der dynamischen Paradoxie und dem gefährlichen Magnetismus dieses unmäßigen Bauwerks beschäftigen. Im Grunde war es ja gerade die Mauer und die Auseinandersetzung mit ihrer unerträglichen Realität, durch die die Bundesrepublik zum ersten Mal aus eigener Kraft als weltpolitischer Akteur auftreten konnte. Der Kampf um menschliche Erleichterungen, um Besuchserlaubnis, war dabei der treibende Kern der Entspannungspolitik. In diesem Spannungsbogen entfaltete sich Willy Brandts Pathos der Nation: „Was gut ist für die Menschen im geteilten Land, das ist auch gut für die Nation“, hieß es in seiner ersten Regierungserklärung.

Dem Begriffe nach blieb die Entspannungspolitik die Konstante der bundesdeutschen Politik bis zum unvermittelten Ende der Mauer. Aber die Inhalte der Mauerzeit verwandelten sich radikal. Das Thema Nation verschwand Ende der siebziger Jahre aus der politischen Öffentlichkeit. Zwar blieben die Toten an der Mauer ein Skandal. Und Landsleute blieben sie auch, irgendwie. Aber gleichzeitig entwickelten sich tabuisierende Reflexe. Wer dabei die Menschenrechtsverletzungen allzu sehr anprangerte, wurde schnell als ewig Gestriger, als kalter Krieger und Feind des Weltfriedens angeprangert. Wolfrum notiert zwar kritisch solche Reaktionen. Aber – und das ist symptomatisch – als Historiker erlebt er eine Metamorphose: Ende der 70er Jahre schreibt er nicht mehr als Analytiker, sondern als Chronist dessen, was rund um die Mauer geschah. Er kritisiert zwar, wie sie zur „Pop-art-Mauer“, zur „längsten Leinwand der Welt“ wurde. Doch dieser Beschreibung entgeht die ganze Tiefendimension des Status quo. Wie war es damals verpönt und gänzlich deplatziert, dagegen zu protestieren, wie bunte Kunst an der Westseite der Mauer nicht nur entpolitisierte, sondern ein barbarisches Oxymoron von Ästhetik und Schießbefehl in die Welt setzte, das jede Idee einer friedlichen Koexistenz verhöhnen musste.

Aber es wäre zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ein bisschen absurd, nun anzuklagen und zu polemisieren. Wohl aber sollte man begreifen wollen, inwieweit die Wirkungsmacht der Mauer mit ihrer Tabuisierung, Verdrängung und Ästhetisierung zunahm. Da wir ja politische Wirkungen immer eher mit dem Handeln als dem Nichthandeln verbinden, sträubt sich da die Selbsterkenntnis. Zumal der Gedanke, dass Betonplatten, so abschreckend sie auch sind, unsere innere politische Orientierung überhaupt hatten prägen können, wahrlich unangenehm aufstoßen muss. Aber im Kräftehaushalt einer politischen Kultur hat der Verbrauch starker Verdrängungsenergien auch eine prägende Macht. Wurde die Friedensbewegung so mächtig, obwohl oder weil sie ihren Frieden mit der Diktatur machte, von bravourösen Protestauftritten einer Petra Kelly abgesehen? Erschien trotz oder wegen der Mauer die DDR in den achtziger Jahren immer stabiler und ungefährdeter? Durch Reisen „in ein anderes Land“ glaubte man, eine eigene DDR-Identität zu sichten. Die DDR-Forderung nach Schließung der Erfassungsstelle Salzgitter für DDR-Unrecht fand wachsende Zustimmung. Die Idee zweier deutscher Nationen kursierte auch im Westen. Otto Schily forderte noch 1989 die Streichung des Wiedervereinigungsdesiderates aus der Präambel des Grundgesetzes und für Max Streibl, den bayerischen Ministerpräsidenten, war noch im September 1989 die deutsche Frage nicht mehr offen. Das alles waren keine Einzelphänomene, sondern Kennzeichen der Bundesrepublik in den achtziger Jahren.

Trotz und auch wegen Kohls Kanzlerschaft gab es eine Hegemonie einer sozial-liberalen Kultur, die klammheimlich damit einverstanden war, dass man an der Sonnenseite der Teilung leben konnte. Mit ihr wandte sich die Bundesrepublik gewissermaßen von der Mauer ab, um nach Westen, nach Europa zu blicken. Dieser Weg versprach die endgültige Erlösung von der mit Unheil behafteten Nationalstaatlichkeit. Gunter Hofmann schreibt in seiner „Anatomie“ der BRD: „Denn die Bundesrepublik befand sich wirklich im Übergang nach Europa, der Nationalstaat wickelte sich temporeich selbst ab, weshalb sollte man da die wiedervereinigte Nation für die richtige Idee zur richtigen Zeit halten?“

Ja, weshalb? Der Glücksschock des Mauerfalls, das war nicht der Taumel der Ostdeutschen im Konsumparadies, sondern die Wiedervereinigung jenseits materieller Probleme. Er bewegte alle, aber stritt zugleich mit der Angst vor einem nationalen Rückfall. Und: Es war ein Realitätsschock. Da in der Mauerzeit die politische Optik nach Westen ausgerichtet war, wurden Regierung und Öffentlichkeit vom Mauerfall völlig überrascht. Die Schubladen der Planer waren daher leer und es fehlten harte Wirtschaftsdaten über die DDR. Die Wiedervereinigung musste zum sozio-ökonomischen Blindflug werden. Die sozial-liberale Elite der Bundesrepublik verweigerte jede produktive Beziehung zum Vereinigungsprozess, den Jürgen Habermas als „D-Mark-Nationalismus“ abkanzelte.

Aber auch die kleine ostdeutsche Elite der DDR-Opposition stand am 9. November unter den verborgenen Wirkungen der Mauerzeit. Auch da gibt es einen blinden Fleck. Denn die Mauer versetzte jede DDR-Opposition in ein unlösbares Dilemma. Sie konnte nur Opposition sein, wenn sie an eine Reformperspektive der DDR glaubte. Aber jede Lockerung für einen ernsthaften Reformprozess musste sofort die Frage der Mauer und des Endes der DDR aufwerfen. Denn die DDR war die Mauer. Einen Zeitraum für Reformen gab es dabei nicht. Die DDR-Dissidenten konnten mithin nicht den Fall der Mauer thematisieren, wollten sie Opposition sein, während die osteuropäischen Bewegungen schon ab 1985 den Mauerfall als Voraussetzung für die Freiheit erkannten.

So erzwang die DDR-Opposition mit ihrer friedlichen Revolution zwar den Mauerfall, ohne ihn zum strategischen Ziel erheben zu können. Der stotternde Schabowsky mit dem Zettel, der alles auslöste, war ein Symbol dafür, dass Egon Krenz’ Politbüro unter dem Druck der Massen selbst blind war für die wahre Natur der Mauer, unfähig, zwischen Reisefreiheit und Staatsräson zu unterscheiden. So sehr Bärbel Bohley das Wort am Morgen danach bereute, wonach der Mauerfall „verfrüht“ komme, begann damit dann der unaufhaltsame Sturz der Bürgerbewegung von der Allmacht in die Ohnmacht bis hin zur Wahlniederlage. Die Spruchfolge der Massen an den Leipziger Montagen diktierte es mit einer klaren Sprache: vom trotzigen Veränderungswillen („Wir bleiben hier“), zur Selbstermächtigung („Wir sind das Volk“) zur Wiedervereinigung („Wir sind ein Volk“).

Die unvorbereitete Bundesrepublik befürchtete, dass der Umsturz im Osten nun auch die Lebensverhältnisse im Westen infizieren könnte. So sorgten die Bundesparteien schnell dafür, dass in Ostdeutschland ein zweites Westdeutschland entstehe. Ganz so selbstverständlich war das jedoch nicht. Schließlich wurde in der Kanzlerschaft von Kohl der Reformstau beklagt und noch kurz nach dem Mauerfall gab es Ideen einer großen gesamtdeutschen Reform, insbesondere einer Sozialstaatsreform, angeschoben durch die Dynamik der Wiedervereinigung. Diese Perspektive verschwand völlig auf dem Weg zur Währungsunion. Ironischerweise war es ausgerechnet der Liberale Genscher, der sich dafür einsetzte, auch noch den Verfassungsanspruch gleicher Lebensverhältnisse ausdrücklich als Staatsziel in das Grundgesetz hineinzuschreiben.

Das Herstellen gleicher Lebensverhältnisse als Wiedervereinigungsprogramm verband sich bruchlos mit der Gleichheitskultur der DDR. Sicher wäre die Behauptung ungerecht, Gleichheit statt Freiheit habe die Wiedervereinigungsgeschichte geprägt. Aber die Freiheitsdimension wurde aus der Sphäre politischer Gestaltung ziemlich verdrängt. Das Politische verlor gegenüber dem Sozialpolitischen. Nicht das Pathos der Wiedervereinigung im Geiste der Freiheit beherrschte die Szene, sondern die Prozeduren der Angleichung im Sozialstaat. Aber Angleichung privilegierte das Vergleichen, die deutsch-deutsche Konfrontation, das „Ossi-Wessi-Gehacke“, in dem sich Ostdeutsche und Westdeutsche in ihrer hässlichsten Performance begegneten. Die Mauer war immer gut für paradoxe Wirkungen. Sie schweißte die Deutschen aneinander, als sie trennte und sie kehrte wieder, als sie fiel, als „Mauer in den Köpfen“.

Ein unverstellter Blick auf die fundamentalen Wirkungen der Mauer schmälert nicht den Glücksfall der Maueröffnung und nicht die Erfolgsgeschichte der Wiedervereinigung. Aber verfangen in den Koordinaten der Mauerzeit haben wir vielleicht nicht das gemacht, was möglich war: die nationale Vereinigung in Frieden und Freiheit zur Grundlage einer neuen republikanischen Kultur zu machen. Die Vereinigung war mehr Sache der staatlichen Planungen als des bürgerlichen Engagements. Und der mauerblinde Bürger nahm es hin, dass ihm nichts zugetraut und nichts anvertraut wurde, weder die Kosten der Einheit, der Währungsunion noch die des Euros als Preis der Einheit. Das alles wurde hinter seinem Rücken entschieden. So hatte das vereinte Deutschland nicht jenes hochgestimmte Selbstbewusstsein, das in den Tagen des Mauerfalls doch angelegt war.

Fünfzig Jahre nach dem Mauerbau und zwanzig Jahre nach dem Mauerfall geht es nicht um große Offenbarungen. Es reicht schon, sich zu erinnern, wie leicht um des lieben Friedens willen eine Komplizenschaft mit der Diktatur entstehen kann. Solange das nicht zur Sprache kommt, ist die Geschichte der Mauer nicht vorbei, sondern hat eine chronische Schlagseite, wie jene überdimensionierte Wippe vor dem Berliner Schloss, die das Einheitsdenkmal sein soll.

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