Meinung : Der Chefverkäufer Deutschlands

Wolfgang Ischinger gibt in Washington erfolgreich den Info-Botschafter Von Robert Gerald Livingston

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POSITIONEN

Warum“, fragte Außenminister HansDietrich Genscher einst einen seiner Diplomaten, „warum werden diese ehrgeizigen Staatssekretäre, die ich ins Ausland schicke, zu grauen Mäusen, wenn sie ihre Posten antreten?“ Mit ziemlicher Sicherheit hat es keine solche Transformation gegeben bei jenem ehemaligen Staatssekretär im Auswärtigen Amt, der jetzt Botschafter in Washington ist und auf der Rollbahn des Dulles-Flughafens Gerhard Schröder in Empfang nehmen wird, wenn er zu seinem Besuch bei Präsident George W. Bush ankommt.

Wolfgang Ischinger hatte keine einfache Zeit seit seiner Ankunft in den USA – kurz bevor das Land von den Attacken des 11. September erschüttert wurde. Besonders das Jahr 2003 war voller Stress und Bitterkeit. Es wird als einzigartiges Jahr in die Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen eingehen, zumindest seit Kanzler Schmidt und Präsident Carter in den 70er Jahren einander in tiefer Abneigung zugetan waren, die derjenigen zwischen Schröder und Bush gleicht. Was könnte ein Botschafter daran ändern? Drei Dinge. Er kann die Interessen, Beweggründe und Prioritäten der deutschen Regierung gegenüber Entscheidungsträgern in Washington erklären. Er kann Kanzler und Außenminister die oft mysteriöse Politik in der amerikanischen Hauptstadt deuten. Und er kann die Bundesrepublik und ihr Image gegenüber politischen Führern und Meinungsmachern, Organisationen und Institutionen im ganzen Land „vermarkten“.

Das heutige Deutschland in und außerhalb Washingtons darzustellen, ist in den letzten Jahren zur vordringlichen Aufgabe geworden. Drei der letzten vier Botschafter hatten Medienerfahrung, bevor sie ihre Aufgabe übernahmen: Jürgen Ruhfus (1987-92), war einst Sprecher von Willy Brandt, Jürgen Chrobog (1995-2001) war Genschers Pressemann, und nun Ischinger, der Staatssekretär war und von Joschka Fischer früh und oft ermutigt wurde, sich mit den Medien zu beschäftigen. Ischinger hat diese Aufgabe auf ein neues Niveau gebracht. Sein Geschick als Info-Botschafter hat in den letzten 12 Monaten geholfen, den Imageschaden für Deutschland wegen seiner Opposition zum Irakkrieg zu minimieren. Verglichen mit Frankreich hat Deutschland im letzten Jahr weit weniger Beschimpfungen von Politikern, Kommentatoren und Talkshow-Teilnehmern über sich ergehen lassen müssen.

Wie seine Vorgänger gibt Ischinger wichtigen Journalisten freizügig Hintergrundinformationen. Aber er ist weit darüber hinausgegangen, indem er häufig Kommentare in amerikanischen Zeitungen schreibt und in Radio und Fernsehen Deutschlands Position in Sachen Irak und Terrorismus verteidigt. Vor, während und nach dem Krieg sah man ihn jede zweite Woche auf CNN und bei anderen Fernsehstationen.

Er war so klug, gerade für die regierungsfreundliche „Washington Times“ zu schreiben und sich provozierenden Talkshow-Mastern zu stellen – wie etwa dem gefürchteten Bill O’Reilly bei Fox, einer konservativen Fernsehanstalt. Ischinger spricht flüssiges Englisch und beherrscht sogar den amerikanischen Slang – das Ergebnis eines einjährigen Aufenthaltes als Austauschschüler in Illinois und eines Studienjahres in Tufts bei Boston. Mit seiner urbanen Art macht er bella figura und behält selbst im Talkshow-Feuer sein cooles Auftreten. Wie führende Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik in diesem Land hat Ischinger verstanden, dass es für die Sache Deutschlands wichtig ist, sich als nice guy zu inszenieren.

Ischinger hat auch erkannt, dass Amerikas politische Führer aus der bundesstaatlichen Politik kommen. Er hat fast die Hälfte der 50 Staaten besucht und den Kanzler überredet, dieses Mal einen abgelegenen Staat wie Mississippi zu besuchen, dessen Gouverneur ein einflussreicher Republikaner ist. Zudem hat Ischinger unzählige Vorträge an Universitäten oder bei think tanks gehalten. Der Kontrast zu Amerikas Botschafter in Berlin könnte kaum größer sein, der von Bushs Lieblingsmagazin, dem „Weekly Standard“, letzten Monat als „Null-Faktor“ in der deutschen Öffentlichkeit kritisiert wurde. So liebenswürdig sein Stil sein mag, so hart und direkt kann Ischinger aber auch seine Ansichten vorbringen. Das kommt ihm auf amerikanischen Mattscheiben entgegen, wo Konfrontation üblich ist. Er zögerte nicht, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf der letzten Sicherheitskonferenz in München herauszufordern, als er öffentlich sagte, dass Amerikas schwindendes Ansehen in der Welt eine Last sein könnte für seine Demokratisierungsstrategie in Nahost.

Wenn Bush sich jetzt mit dem Kanzler versöhnt, hilft ihm das, ein zentrales Argument der Demokraten zu unterlaufen, demzufolge sein unilateraler Irakkrieg viele Hauptverbündete von den USA entfremdet hätte. Und natürlich braucht Bush die Hilfe der Verbündeten, um den Irak zu stabilisieren, bevor der amerikanische Wahlkampf im Herbst in seine heiße Phase kommt. Ischingers Aufgabe könnte ein wenig leichter werden.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Washington. Foto: privat

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