Meinung : „Der CIA fehlen Beweise für Irans Bombe“

Christoph von Marschall

Er hat sich einen Namen gemacht als investigativer Reporter, der beste Verbindungen in Geheimdienstkreise hat und schmutzige Interna erfährt, an die normale Journalisten nicht herankommen. 1969 deckte Seymour Hersh das Massaker der US-Armee an vietnamesischen Zivilisten im Dorf My Lai auf, 1970 erhielt er dafür den Pulitzerpreis.

Amerika und die Welt horchen auf, wenn das Magazin „The New Yorker“ Hershs nächste Enthüllung ankündigt – mit medialer Bugwelle: Oft werden die Vorabmeldungen zwei Wochen vor dem Erscheinungsdatum der Druckausgabe in die Welt posaunt. Hersh, 69, stammt aus einem jüdischen Elternhaus in Chicago. Er begann als Polizeireporter in Chicago, war Provinzkorrespondent in South Dakota, arbeitete in den 70ern für die „New York Times“, ist ein erfolgreicher Buchautor und ein begehrter Redner. In jüngster Zeit deckte er Gefangenenmisshandlungen im Irak und in Guantanamo auf.

Hersh schreibt sachlich, doch im Wettbewerb um die knalligste Schlagzeile werden seine Aussagen mitunter verfälscht. Im Mai zum Beispiel hieß es, er habe herausgefunden, Bush plane, Iran mit Atomwaffen anzugreifen. Tatsächlich hatte Hersh mit Militärexperten, Politikern und Diplomaten denkbare Planspiele erörtert, wie Amerika den Iran vom Bau der Bombe abhalten könne. Dabei wurde auch über Atomwaffen diskutiert; doch habe das zur ausdrücklichen Empfehlung der Militärs geführt, die nukleare Option erst gar nicht in Betracht zu ziehen – das Gegenteil der angeblichen Enthüllung.

In einem Bericht für den „New Yorker“ vom 27. November fasst Hersh nun die Irandebatte nach der Kongresswahl zusammen und fragt, ob Bushs Niederlage einen Angriff wahrscheinlicher mache? Die Sensation diesmal: Die CIA habe keine abschließenden Beweise für ein geheimes Bombenprogramm Irans. Ist das eine Sensation? Wer behauptet denn, dass es unumstößliche Beweise gebe? Die Beteiligten vermuten, dass der Iran die Bombe anstrebe, auch die Bundesregierung und die Internationale Atomaufsicht IAEO. Die Anlage des Atomprogramms – die Technik der Urananreicherung, die Anordnung der Zentrifugen – wirkt nur bei diesem Ziel sinnvoll.

Wie stets ist Hershs Artikel informativ und brisant. Er berichtet von verdeckten kurdischen Aktionen im Iran. Und: Vizepräsident Dick Cheney verliere Einfluss auf die Iranpolitik. Die Lektüre lohnt, die Schlagzeilen dazu vergisst man besser.

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