Meinung : Der Cowboy bleibt cool

Bush wirft Irak schwere Verstöße gegen die UN vor – in den Krieg zieht er noch nicht

Christoph von Marschall

Saddam Hussein ist immer gut für eine Überraschung? Von wegen. George W. Bush ist es, der das Unerwartete tut.

Saddam hat offenbar nicht den von den UN geforderten, lückenlosen Bericht über Iraks Rüstung abgeliefert. Aber wer hatte ernsthaft geglaubt, dass er diesmal auf Lug und Trug verzichten werde? Auf die sehr konkrete Mängelliste amerikanischer und britischer Fachleute, die im übrigen von den UN-Experten zum Gutteil unterstützt wird, reagiert er mit einem Mix: Erstens enthalte sein Bericht sehr wohl die ganze Wahrheit; und zweitens vielleicht doch nicht, aber fehlende Informationen könne er ja nachliefern. Sehr überzeugend!

Amerika hat prompt die rote Karte gezogen: material breach – ein schwerer Verstoß gegen die UN-Resolution sei das, ein Kriegsgrund. Genau davor hatten Bushs Kritiker gewarnt. Der Präsident suche den erstbesten Vorwand, um draufzuhauen, habe der Rüstungskontrolle nie eine faire Chance gegeben, sei von vornherein zum Krieg entschlossen gewesen, um Saddam zu stürzen. Doch Bush gibt keinen Angriffsbefehl. Wie das?

Wirklich überraschen muss das nur jene, die Bush misstrauen und Saddam irgendwie für ein Opfer halten, wenn auch kein ganz unschuldiges. Das Vorgehen passt sehr gut zu Bushs Verhalten in Afghanistan – nur eben nicht zum Bild, das sich viele in der Welt und leider auch in Deutschland von ihm machen. Auch damals hat er länger gewartet, als die meisten dachten, umsichtig eine Koalition geschmiedet und mit Augenmaß Militär eingesetzt. Er hört schon auf die Verbündeten, versucht auf Bedenken einzugehen und zu überzeugen. Was ihn freilich nicht hindern wird zu handeln, wenn er das für nötig hält.

Der Krieg ist mit Bushs sanfter Reaktion nicht in weite Ferne gerückt. Dass sie niemand als ängstliches Zurückweichen interpretiert, dafür sorgt schon Tony Blairs Aufforderung ans Militär, sich bereitzuhalten. Doch lässt sich nun Bushs Strategie erahnen. Er wird immer wieder die Gelegenheit suchen, Saddam material breach nachzuweisen, alle paar Tage – damit sich der Eindruck des notorischen Lügners Saddam verfestigt. Und eines langmütigen US-Präsidenten, der im Januar wahrlich genug Geduld gezeigt haben wird; keiner, der sich unüberlegt in Abenteuer stürzt. Jeder neue Verstoß setzt die Inspektoren unter Druck, noch sorgfältiger zu suchen; jede erzwungene Zusatzinformation aus Bagdad bietet neue Ansätze, die Glaubwürdigkeit zu überprüfen.

Saddam hat einen Ausweg, diesen Mechanismus auszuhebeln: Er müsste mit den UN kooperieren. Aber ist das wahrscheinlich – nach aller Erfahrung mit ihm?

Doch: Gilt das nicht auch für die USA? Darf man ihren Vorwürfen glauben? Sie sind doch ebenso in der Beweispflicht – nicht nur Saddam, dass er wirklich keine Massenvernichtungswaffen hat. Warum halten sie ihre Erkenntnisse zurück, statt sie mit den UNKontrolleuren zu teilen, wie deren Chef Blix klagt? Die Vereinten Nationen haben schließlich keine eigene Satellitenaufklärung, Nachrichtendienste, Waffenexperten. Amerikas Übermacht und Neigung zum Unilateralismus ist auch hier das Problem. Oder?

Ja, so muss man fragen. Man sollte aber auch die Gegenargumente hören. Friedliche Abrüstung funktioniert nur, wenn man auf ein Mindestmaß an Ehrlichkeit vertrauen darf. Saddam möchte nur zugeben, was man ihm bereits nachgewiesen hat. Die USA wissen wohl vieles, aber kaum alles. Wenn sie gleich offen legen, was sie wissen – und damit auch, was nicht –, dann weiß er, was er wie und wo geheim halten kann. Eine Anleitung also, sich weiter einer zuverlässigen Kontrolle und Abrüstung zu entziehen.

Ähnlich sind die Gründe, warum nicht alle Mitglieder des Sicherheitsrats Saddams kompletten Bericht erhalten. Dort sitzen auch Staaten, die selbst nach verbotenen Massenvernichtungswaffen streben. Aus dem kompletten Dossier lassen sich Baupläne und Lieferadressen für Komponenten destillieren.

Wer Saddam oder Syrien mehr misstraut als Bush, der muss sich wohl auf Amerikas Strategie einlassen. Und wer Bush misstraut? Der muss die UN und Europa unabhängig machen vom US-Monopol auf modernste Aufklärung. Das kostet Geld.

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