Meinung : Der Dalai Lama von Baden-Baden

Von Pascale Hugues

Was ist das Patentrezept fürs Glück? Und was ein gelungenes Leben? In Frankreich hat das der Philosoph und Bildungsminister Luc Ferry gefragt, sein Buch steht seit Wochen ganz oben auf den Bestsellerlisten. Die Franzosen setzen im allgemeinen Mutter Theresa, de Gaulle und Picasso an die Spitze der Berühmtheiten mit einem erfolgreichen Leben. Am Ende des Feldes finden sich Eroberer und umherirrende Seelen: Napoleon, Camus und Rimbaud. Familiäre Harmonie hat oberste Priorität. Ruhm und Geld sind überflüssige Assessoirs. Ein beruhigendes Bild der kollektiven französischen Psyche.

Und die Deutschen? Was denken sie, wenn sie für einen Moment nicht ihrem Spleen huldigen, Millimeter für Millimeter auszumessen, wie tief der Abgrund der ökonomischen und moralischen Krise ist, in den ihr Land zu stürzen droht? Vier Bücher, die seit Wochen die Bestsellerliste des „Spiegel" anführen, suchen nach dem Glück. Die Genusssucht gehört nicht gerade zu den Schulen, der sich die Deutschen ihrem Naturell nach verschreiben. Sie rufen den Dalai Lama zu Hilfe: Er soll ihnen den „Weg zum Glück" weisen. Der „Stern" führt im Stil militärischer Planung „Strategien für ein besseres Leben" auf. Und dann sind da noch die Kilometer langen kleinen Ratschläge, Tipps und Prophylaxeanweisungen in den Frauenmagazinen: 10 Minuten am Tag mit hoher Stimme lachen, einmal in der Woche zu einer festgelegten Zeit Liebe machen, montags einen Strauß Rosen kaufen und, nicht zu vergessen, das Joggen, der Hund, das Vollkornbrot, Yoga, Zink und die aromatischen Benjuin-Essenzen… Bei so einem Hygieneprogramm reicht schon die bloße Vorstellung, um die Lust an einem besseren Leben zu ersticken.

Der Masseur des römisch-irischen Bades in Baden-Baden, ein stämmiger Mann mit dem Bauch einer schwangeren Frau und einem dichten Schnurrbart, hat sich seine kleine unfehlbare Mixtur ganz allein zusammengestellt: eine erstaunliche Mischung aus schwäbischer Spießerweisheit, esoterischem Delirium und kleinen, individuellen Arrangements mit dem Göttlichen. „Schließen Sie die Augen und genießen Sie", verordnet er seinen Kunden. Aber er vergisst zu schweigen. Lässt sich gehen: „Die Russen, die Firmenpleiten, der nahe Krieg …" Die ganze Traurigkeit der Welt mischt sich in den herumströmenden Jojobaduft. Nur deutsche Masseure verwechseln Entspannung mit existenzialistischer Erkenntnis.

Der schwäbische Sophist stürzt sich in eine akrobatische Übung, balanciert den auf dem Tisch zusammengesackten Körper zwischen Ying und Yang, walzt den Lendenwirbel zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, knetet die Haut zwischen Hölle und Paradies, lässt Gott über die Schulter gleiten und die Reinkarnation den Rücken hinab rutschen, er plaudert über die universelle Liebe, während er eine böse Verkrampfung im Nacken glättet.

Nach einer Stunde ist die Welt in Ordnung und die Vision der Menschheit klar. Die Natur, sagt der Masseur, hat den Hang zum Glück auf ungerechte Art und Weise verteilt. Bei den einen kleben die Ohrläppchen am Kopf: „verklemmte rigide Menschen!" Bei den anderen setzen sie sich fröhlich vom übrigen Gesicht ab: „großzügig, zuversichtlich". Glück kann so einfach sein – in Baden-Baden.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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