Meinung : Der Datendepp

Pädophile werden durch ihre Kreditkarten verraten – Anmerkungen über den Fall hinaus

Peter Becker

Natürlich gratulieren erst mal alle. Die Hallenser Staatsanwaltschaft hat mit Hilfe von ausgewählten Kreditkarten-Daten 322 Verdächtige ermittelt, die sich in Deutschland per Karten-Abbuchung harte Kinderpornografie aus dem Internet besorgt haben. Mit solchen Aktionen wird zwar die Verbreitung des schmutzigen Materials im weltweiten Netz nicht verhindert, solange sich die Spuren der Urheber noch mit elektronischen Tricks verwischen lassen. Aber die Justiz und in diesem Fall Firmen wie Visa und Mastercard stellen klar: Auch die voyeuristische Beteiligung an den Taten und Bildern der Kinderschänder ist schandbar und fördert das Geschäft mit dem sexuellen Missbrauch. Mit der Vergewaltigung der Allerwehrlosesten.

Trotzdem kommt die Zustimmung von Datenschützern, Managern des Bank- und Kreditgewerbes sowie auch einiger journalistischer Kommentatoren aus mitunter zusammengebissenen Zähnen. Wäre es um keinen solchen Ekel-Fall gegangen, dann hätten wohl viele aufgeschrien, dass große Kreditkarten-Unternehmen und die beteiligten Banken oder deren Datenmittler beim Auskunftsbegehren der Ermittlergruppe „Mikado“ sogleich umgefallen sind.

Umgefallen allerdings in die richtige Richtung – zumindest nach Meinung der Bevölkerungsmehrheit. Denn bei zunehmender Kameraüberwachung in der Öffentlichkeit, bei immer zahlreicher flottierenden Daten über Vermögen und Gesundheit, über Kaufgewohnheiten, Kreditwürdigkeit oder persönliche Vorlieben schreit heute fast niemand mehr „Orwell!“ oder „Überwachungsstaat!“. Der Große Bruder ist längst ein Grauer Onkel der Privatfernsehunterhaltung geworden, und angesichts terroristischer oder sonstiger krimineller Bedrohungen fühlt sich der Bürger eher sicherer, wenn der Staat sein schützendes Auge auf ihn wirft.

Bei diesem Einstellungswandel spielen auch zwei Erfahrungen eine Rolle: Die ständig wachsende und digital beschleunigte Datenmenge nimmt dem Einzelnen und dem Einzelfall auch seinen besonderen Nimbus. Ausweise, Führerscheine und andere früher lebenslang bewahrte, hochpersönliche Dokumente werden längst zu verwechselbaren Chipkarten. Und jeder Mensch ist mehr und mehr eine wandelnde Nummer. Ein Nummernsalat aus PINs und Codes, kein offenes Buch, sondern eine laufende Buchung. Die darin enthaltene Datenflut entwertet nicht nur den Datenschutz. Sie relativiert auch den jeweiligen Daten-Zugriff und die Angst davor.

Die zweite Erfahrung: In der sogenannten Kommunikations-Gesellschaft grassiert die freiwillige Selbstpreisgabe ohnehin. In Fernsehshows, Boulevardmedien und im Internet stellen sich so viele bloß, dass das Wort „diskret“ inzwischen schon einem fast anrüchigen Versprechen gleicht. Wer da noch auf den Schutz des Privaten und Intimen pocht, wirkt wie der letzte freie, weil noch auf Individualität und gar mal Stille, Stil und Selbstbesinnung bedachte Bürger.

Diesen Bürger gilt es wiederzufinden. Ihn wieder zu erfinden. Er wäre mehr als nur ein Datendepp.

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