Meinung : Der deutsche Fratz

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Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Seit Jürgen Möllemann in Dubai ist, fehlt irgendwas in der deutschen Politik. Sagen wir: die Dimension des fast Irrsinnigen, des knapp Durchgedrehten und komplett Haarsträubenden, die uns zuletzt so innig vor den Fernseher genagelt hat. Würde jetzt eine Zeit ohne politisches Entertainment folgen, eine Renaissance des kohlesken Gebrumsels? Keine Angst: Kenner der Materie sagen uns schon lange, dass Ludwig Stiegler, der als eine Art Leiharbeiter kurz die SPDFraktion leiten durfte, in sich das Möllemann-Chaospotenzial mit der philologisch fundierten Sprengkraft eines Franz Josef Strauß und einem deutlichen Mut zur Unpopularität verbindet, der ein wenig an Dschingis Khan erinnert. Die brachiale Eleganz, mit er die ejaculatio praecox in die Rentendebatte einbrachte, ließ auf weitere rasche Höhepunkte hoffen – und bitte: da ist schon einer. „Die Deutschen“, sprach er kürzlich, „sind verzogene Fratzen, die meinen, sie seien nur dazu da, dass sie problemlos leben.“ Das ist ein schöner, sanft zwischen Sinn und Wahnsinn irrlichternder Satz, der freilich ein Missverständnis enthält. Denn nicht wir Fratzen sind dazu da, dass wir problemlos leben können - dafür bezahlen wir vielmehr die sog. Politiker, die allerdings oft ziemlich verzogen sind. Herr Stiegler beweist es.

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