Meinung : „Der deutsche UN-Sitz ist eine Illusion“

Christoph von Marschall

Er ist keiner wie Kanzler Schröders erster außenpolitischer Berater Michael Steiner. Der sah sich selbst als politischer Akteur, der lieber Schlagzeilen produzierte, als sie zu verhindern – und alles tat, um die wichtigen Fragen dem Außenministerium unter Joschka Fischer abzujagen und ins Kanzleramt rüberzuziehen. Für Angela Merkel ist die Ausgangslage ähnlich: Auch sie wird zunächst kaum Zeit für die Weltpolitik finden, weil Innenpolitik und Haushaltssanierung Priorität haben; auch sie bringt keine große Erfahrung mit, braucht also einen, der ihr Detailarbeit abnimmt, damit sie das Feld nicht dem Kollegen von der SPD im Auswärtigen Amt überlassen muss. Doch ihr Berater hat ein anderes Temperament. Christoph Heusgen ist ausgesprochen freundlich, diskret und fleißig, agiert effizient und geräuschlos.

Ein weiterer Trumpf des 50-jährigen Katholiken vom Niederrhein: Die letzten sechs Jahre arbeitete er für Javier Solana, den Außenpolitikchef der EU, und führte als Planungschef die drei Dutzend hochrangigen Diplomaten in der „Policy Unit“, dem Frühwarnsystem und Krisenmanagement in einem. Er ist mit den Brennpunkten der Weltpolitik wie Balkan, Nahost, Iran, Indonesiens Unruheprovinzen, Afghanistan vertraut. Und er kennt die Brüsseler Maschinerie, die mit der wachsenden EU-Integration immer wichtiger geworden ist, aus dem Effeff. Studiert hat er in Paris, St. Gallen und Amerika. Mit Heusgen kann Merkel Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der den Leiter der Europaabteilung im Kanzleramt, Reinhard Silberberg, als Staatssekretär mit ins Auswärtige Amt nimmt, in EU-Fragen Paroli bieten.

Sätze wie „Deutsche Außenpolitik wird in Berlin gemacht“ (und nicht in Washington, Brüssel oder Paris) sind ihm fremd. Das Streben nach einem ständigen deutschen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hält er für eine Illusion. Ein europäischer wäre Heusgen lieber, auch wenn er ahnt, dass die Erwartung, Großbritannien und Frankreich würden ihre aufgeben, noch illusorischer ist. Außenpolitik, egal ob deutsche oder europäische, wird heutzutage vor allem am Telefon gemacht, das weiß er so gut wie jeder, der mit ihm öfter ein paar Stunden zusammensaß. Deutschlands Einfluss in der Welt wird umso größer, je mehr es seine Außenpolitik mit der der EU verbindet; Berlin muss dabei größten Wert auf die Einbindung kleinerer EU-Staaten legen, als Wortführer kann man etwas bewegen.

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